Achtung: Mithörgefahr!" wird auf einer der ersten Seiten des soeben veröffentlichten Telefonbuches für das Bundeshaus 1979 gewarnt. Die Abhöraffären zeigen Wirkung, die Guillaume-Hysterie will nicht enden.

Die Bundeshausverwaltung mahnt – ein Novum in ihrer Geschichte – die Teilnehmer: 1. "Telefongespräche können in der Regel nicht gegen unbefugtes Abhören gesichert werden. Das gilt auch für drahtlos (z. B. über Autotelefon) hergestellte Fernsprechverbindungen." 2. "Gespräche über Verschlußsachen und sonstige vertrauliche Angelegenheiten dürfen grundsätzlich nicht geführt werden." Das gelte auch für Verbindungen nach Berlin, Querverbindungen zu Behörden, sogar für das Hausnetz einschließlich Gegensprechanlagen, die nicht an das öffentliche Fernsprechnetz angeschlossen sind.

Wer mithören könnte, erwähnt das Merkblatt leider nicht. Die Dienste, deren Kontrolleure im Bundeshaus ihre Büros haben? Spione? Treffen sich die Abgeordneten und Beamten künftig zum Plausch unter freiem Himmel? Und was bleibt für Gesprächsstoff am Telefon, ausgerechnet in Bonn, wo doch fast alles "Verschlußsache" oder "sonstige vertrauliche Angelegenheit" und dennoch fast alles öffentlich ist? Wie man es auch wendet: Das Sicherheits-Theater wird hier absurd.

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Eine "beispiellose", von "Haß gekennzeichnete Verleumdungskampagne" wittert Helmut Kohl, dem ähnliches schon zum Fall Filbinger eingefallen war, nun in Sachen Carstens. Carstens’ Name stehe, "für uns alle", sagt er seiner Partei. Worum geht es? Der CDU-Vorsitzende bezieht sich auf einen Bericht des Spiegel, der in Bonn Wirbel gemacht hat. Keineswegs nur, ja nicht einmal in erster Linie wegen Carstens’ Rolle darin und den Folgen, die für den Präsidentschafts-Anwärter daraus noch resultieren könnten. Vor allem geht es darum: Die Regierung dementiert nicht, daß es einen vom 5. Dezember 1973 datierten, streng geheimen, 18seitigen Brief des BND-Präsidenten Wessel über illegale Waffengeschäfte des BND gibt.

Waffen und Geräte lieferte danach insbesondere die Firma Dobbertin im Dienst des Dienstes unter anderem an Nigeria, Rhodesien, Südafrika, Griechenland, Jordanien, in alle möglichen Spannungsgebiete also. Auch Peking war BND-Partner. Von dem Wessel-Brief, befand die Regierung, existierten zwei Exemplare: eines im Kanzleramts-Panzerschrank, eines bei der Bonner Staatsanwaltschaft, die 1975 gerichtlich gegen die Waffenexportfirma Merex vorgegangen war. Der Brief jedenfalls zirkuliert.

Auch die Welt jubelt, aus eigenen Unterlagen zitieren zu können und sich nicht etwa ein Exemplar mit dem Spiegel zu teilen. Dem Kanzleramt sind offenbar beide Aspekte der Sache nicht angenehm: Es wollte keine Diskussion über die BND-Praktiken. Und Carstens’ umstrittene Aussage vor dem Untersuchungsausschuß, er habe als Kanzleramts-Staatssekretär von solchen Geschäften nichts gehört, fand hier ungewöhnlich viel Verständnis. Der Prozeß um die Aussage läuft noch. *