Fast fünfzig Seiten mußten diesmal durchgesehen, einhundert Fragen dabei beantwortet werden. Eberhard F. kam schlecht voran. Er war muffig. Ihm paßten einige Dinge nicht; er vermutete Schnüffelfragen. In der Klasse herrschte Unruhe, Getuschel, Murren, aggressives Zurückstoßen, wenn einer der Schüler bei seinem Sitznachbarn aufs Papier zu blicken versuchte. Susanne vor ihm, die eigentlich immer sonnenbraun aussah, hatte einen roten Nacken. "Was geht die das an?" motzte Eberhard laut. "Muß ich das überhaupt beantworten?"

Er mußte, nicht. Der Kultusminister hat die Fragebogenaktion abgebrochen, die seit Mitte November in 50 niedersächsischen Schulen durchgeführt wurde. Es war eine von vielen; Das Unternehmen hatte honorig ausgesehen, Stiftungsgelder standen dahinter. Ein Student der Technischen Universität Hannover erarbeitet als Dissertation Grundlinien für einen zukünftigen Ernährungslehre-Unterricht an den Schulen. Kultusminister Werner Remmers hatte das Projekt aus Interesse genehmigt. Die Fragenliste las er wohl nur oberflächlich.

Irgendwann gab ihm ein Mitarbeiter die Frage 46 zum Lesen. Remmers wurde klar:

Ein Kochkurs kann diese Ernährungslehre nicht werden. "Was stimmt?" sollte angekreuzt werden: "Ich hatte bereits Geschlechtsverkehr Ja/Nein." Bei dieser Gretchenfrage streikte Eberhard F. endgültig. Bei Frage 76 bemerkte er beim verstohlenen Umherschauen die Röte seiner Mitschülerin: Sie sollte über die Regelmäßigkeit des Geschlechtsverkehrs Auskunft geben.

Der Kultusminister kritisiert dies als eine Verletzung der Intimsphäre. "Natürlich bestreite ich nicht, daß es möglich ist, einen Zusammenhang zwischen diesen Fragen und dem Ernährungsverhalten zu konstruieren." Fragwürdig erscheint Remmers, daß die 13- bis 15 jährigen den Fragenkatalog in der Klassengemeinschaft ausfüllen sollten. Scham und Protzerei ließen dabei gewiß kein valides Ergebnis entstehen.

Ärgerlich stimmte Werner Remmers noch die Zielrichtung eines anderen Fragenbündels. Das elterliche Erziehungsverhalten sollte von den Schülern beschrieben werden, die Kleidung der Eltern, die Fernsehgewohnheiten und häusliche Luxusgegenstände. Schließlich wollten die Ernährungsforscher noch die Konfession und die persönlichen Vorbilder der Schüler wissen. Auch hier könnten Übertreibungen gefördert werden, bei sozial weniger Gutgestellten das Gefühl der Benachteiligung, der Enttäuschung und des Neids.

Eberhard F. kam der Stopp-Ruf aus dem Kultusministerium zur rechten Zeit. Die meisten Grund- und Hauptschulen hatte das Projekt allerdings bereits passiert. Dort dürfen die Schülerinnen und Schüler nun gespannt sein, was gemeint sein könnte, wenn später das Fach Ernährungslehre auf dem Stundenplan erscheint.

Joachim Holtz