Von Nina Grunenberg

Oslo, im Dezember

Salem aleikum, Shalom, Friede sei mit Euch: Bei zwölf Grad minus in der Sonne und der blumenreichen Friedenslyrik von Menachem Begin und Sadats Gesandten Syed Marei im Ohr fanden die Osloer am vorigen Sonntag wieder einmal die unerfreuliche Wahrheit des Wortes von Preisstifter Alfred Nobel bestätigt: "Ich bin ein Menschenfeind, aber außerordentlich gutmutig."

Bis heute weiß niemand in Norwegen genau, warum der Dynamitkönig; dessen waffentechnische Erfindungen seinerzeit wesentlich zu einer effektiveren Kriegführung beitrugen, ausgerechnet ihnen die Stiftung für den Friedenspreis vermachte und nicht ebenfalls den Schweden beließ, die schon seine Preise für Chemie, Physik, Medizin und Literatur verwalten dürfen. Nobels Testament gibt darüber keinen Aufschluß. Tim Greve, ein ehemaliger Direktor des Osloer Nobelinstituts; hat nur die ironisch resignierte Erklärung: "Wahrscheinlich konnte er die Norweger nicht leiden."

Jedenfalls kamen sie sich gutmütig wie Nobel vor, als sie sich am Sonntag anhörten, wie Ministerpräsident Begin während der Feierstunde auf der Festung Akershus in der korrekten Haltung eines Finanzbeamten eine Oktave zu hoch in die Harfe griff und tönte: "Friede, das ist die Schönheit des Lebens. Es ist der Sonnenstrahl, das Lächeln eines Kindes, die Liebe einer Mutter, die Freude eines Vaters, das Beisammensein einer Familie. Es ist der Fortschritt der Menschheit, der Sieg einer gerechten Sache, der Triumph der Wahrheit. Das alles ist Frieden – und noch viel, viel mehr."

Aber auch Präsident Sadat war im Wettstreit mit dem Israeli um die wohlklingendsten Allgemeinplätze für den Frieden nicht leicht in den Schatten zu stellen. Aus der Ferne ließ er die Versammlung durch seinen Friedensboten Marei stilgerecht grüßen: "Salem aleikum. Friede sei mit Euch. Das ist der althergebrachte Gruß den wir uns noch heute täglich entbieten. Es gibt unseren tiefsten Gefühlen und Hoffnungen Ausdruck. Wir sagen es immer, und wir meinen es auch so."

Was Orwell über die Heiligen sagte, kann gleichermaßen für die Träger des Friedensnobelpreises gelten: Jeder sollte für schuldig befunden werden, solange seine Unschuld nicht zweifelsfrei erwiesen ist. So trieben denn auch die theatralischen Beteuerungen der Redner, die weder auf Grund ihres Charakters noch ihres persönlichen Lebensweges als wahre Friedensengel zu erkennen waren, keinem in der Festversammlung am Sonntagmittag die Tränen in die Augen.