Von Rolf Michaelis

Orgelklänge aus dem Schlachthaus. Wer sich zur Fleischmarkthalle des ehemaligen Schlachthofes hinter dem Bremer Hauptbahnhof durchgefragt hat, betritt zum brausenden Jubel Bachscher Präludien und Fugen die verwirrend-faszinierendste Spielstätte, die sich das deutschsprachige Theater zur Zeit geschaffen hat. Der Kuppelsaal dieser Industriearchitektur von 1880, in dem fast ein Jahrhundert lang geschlachtet und gemarktet wurde, ist als Kathedrale des Todes wie geschaffen für Hans Henny Jahnns "Historische Tragödie" aus den Jahren 1917 – 1920 "Die Krönung Richards III.", die dem Kritiker Julius Bab nach der Uraufführung 1922 in Leipzig als "gräßliche Serie komplizierter Lustmorde" erschien.

Der Boden der langen Halle ist dick mit Sand bedeckt. In der Mitte der Säulenhalle: ein mit grauen Steinplatten ausgelegter Spielort. Gewaltige Schuttberge bezeugen, daß auch diese letzte Halle des großen Schlachthofes vom Abbruch schon bedroht war. Für Johannes Schütz, der für Ernst Wendts Inszenierungen an den Münchner Kammerspielen umständlich Schutt auf die Bühne kippen lassen mußte, eine fast ideale Voraussetzung: Er bezieht die Trümmerhaufen in seine Raumphantasie mit ein. Schauspieler (und Zuschauer, die während der dreieinhalbstündigen, pausenlosen Aufführung ständig unterwegs sind) kraxeln zwischen Betonbrocken in Staub und Mörtel umher. Ein offenes Feuer brennt während einer nächtlichen Liebesszene im Schotter (argwöhnisch beäugt von Feuerpolizisten, die in großer Zahl am Theater-Marathon durch die Fleischmarkthalle teilnehmen).

In riesigen Schubkarren flackern ganze Batterien weißer Kerzen: Bald werden sich die zum Mord an den legitimen Thronerben gedungenen Totschläger über den ängstlichen königlichen Auftraggeber lustig machen, der "des Nachts 100 Kerzen in seinem Zimmer brennen läßt". Zwei Schimmel, des Pferdezüchters Jahnn Symbolgeschöpfe für Liebe und Tod, kann man streicheln. An den Schaufenstern der noch nicht zerstörten, ausgeräumten Verkaufsstände unter den Arkaden prangen in Schönschrift Wörter, die auch für Jahnns zeremonielle Todesrituale in dieser Tragödie gelten können: "Großschlachterei" oder "Fleischagentur", Flaschenzüge und Fleischerhaken über Schlachtbank und Senkgruben erinnern an die wahre Bestimmung der Halle: Bald wird ein nackter Mensch an den Füßen aufgehängt und auf Geheiß der lüsternen Königin vom Hofmedicus entmannt.

Während wir den Orgelmusiken lauschen, die der Organist der Hauptkirche St. Jacobi in Hamburg, Heinz Wunderlich, auf der (vom Orgelfachmann Hans Henny Jahnn geretteten und restaurierten) Arp-Schnitger-Orgel von St. Jacobi eingespielt hat, haben wir Zeit, in dem von Klaus Völker mit Sorgfalt zusammengestellten, 128 Seiten umfassenden Programmheft zu blättern und in einer später gestrichenen "Vorrede" des dreiundzwanzigjährigen Dramatikers zu seinem zweiten Stück die Mahnung zu lesen: "Es steht alles in dem Stück, was ich sagen wollte... Man schenke sein gefülltes Portemonnaie einem Armen, ziehe sich die Hosen aus, damit man sich besinne, daß man Mensch ist und keine Kleiderpuppe, forciere sich zu keinen heldenhaften Gefühlen, sondern bemühe sich einzusehen, daß die Größe an der blutenden Seele gemessen wird. Wenn man ein weiteres tun will, dinge man sich einen Organisten ... und lasse sich ein paar Fugen und Toccaten von Bach spielen oder eine dieser tausendjährigen Canzonen Buxtehudes oder eine seiner süßen üppigen Ciaconnen."

Noch haben wir Zeit, durch die Halle zu streifen, vorbei an den mannshoch mit schönen Fliesen gekachelten Säulen. Darüber blättert der Putz bis zu den Oberlichtern, deren Fensterlöcher mit Plastikfolie gegen den Regen abgedichtet sind. An der einen Schmalseite: ein Soldatenfriedhof auf einem mit Kunstschnee bestäubten Torfhügel. Gegenüber erhebt sich eine riesige Tribüne, weniger zum Zuschauen als zum Ausruhen. In eines der Lädchen ist das Schlafzimmer der Königin gezwängt, mit schwarzem Samt, rotem Plüsch und rosa Wolkenstores ausstaffiert wie ein mieser Puff, Daneben ein Speisezimmer, dessen Teller mit blutfarbenem Hummer und bleichen (Menschen?-)Knochen auf die männergierige Königin warten, die Knaben in jeder Weise zu sich zu nehmen liebt.

Auf den Flachdächern über den Läden an drei Seiten der Halle sind, wie zu Shakespeares Zeiten auf der Empore, weitere Spielplätze aufgebaut. Und auf der Wendeltreppe fast im Mittelpunkt der Halle stehen schon, eng umarmt, die beiden Prinzen, mit deren Ermordung das grausame Spiel enden wird. Jetzt merkt man auch, daß manche der bis zu den Augen vermummten Gestalten keine Zuschauer sind, die sich gegen die befürchtete Kälte gewappnet haben, sondern Schergen des Mord-Königs, Flinte und MP im Arm. Da ertönt durch Lautsprecher die Stimme des Regisseurs, der Erläuterungen gibt und die Zuschauer von der Tribüne in die Arena lockt: "Sie werden mehr davon haben, wenn Sie sich auf die Socken machen." Musik erklingt, Scheinwerfer fingern durch den plötzlich dunklen Raum und beleuchten den Einzug der Spieler. Eine halbe Hundertschaft von Darstellern und Statisten verteilt sich in der ganzen Halle.