Der 30. Jahrestag der Unterzeichnung der Menschenrechtsdeklaration ist kein Anlaß zum Feiern – so der lapidare Kommentar der Gefangenenhilfsorganisation amnesty international, die es wissen muß. Der Sieg über die Hitlerdiktatur, die das Unvorstellbare zum Prinzip gemacht hatte, war ein Trompetenstoß, der bald verhallte. Der Vormarsch der Menschenrechte ist steckengeblieben; es sind die Totalitären, die triumphieren. Archipel Gulag ist – fast – überall.

Auch Jimmy Carters Menschenrechtskampagne ist leiser geworden. Er hat erkennen müssen, daß sich gerade die hehrsten Werte oft nicht harmonisch zusammenfügen lassen und daß der Kampf gegen Tyrannei das Ringen um den Frieden nicht immer erleichtert. Wie könnte es anders sein – wo doch der Frieden im Schatten der Atomwaffen zum höchsten moralischen Gut der Menschheit avanciert ist?

Doch selbst Carters Rhetorik hat einen unverhofften Sieg gezeugt. Plötzlich reden auch die Totalitären von den Menschenrechten, so als hätten sie diese selber erfunden. Sie predigen freilich eine andere Lesart – wie die Prawda, die den Sozialismus als Ende aller Unterdrückung feiert, weil er ja die "Ausbeutung des Menschen durch den Menschen" endgültig beseitigt habe.

In der Tat, zu den Menschenrechten gehört auch eine menschenwürdige Existenz, frei von Hunger und Not. Aber lassen wir uns nicht beirren: Die Versorgung mit materiellen Gütern ersetzt nicht die Verwirklichung von Grundfreiheiten. Verfolgung, Folter und Willkür zerstören die Würde eines jeden Menschen, ob reich oder arm, ob satt oder hungrig. jj