Der letzte Hexenprozeß fand 1793 in Posen statt, der jüngste Hexenkongreß am letzten Wochenende im klassischen Land der Inquisition, in Spanien. Was in den Zeitungen als "Hexensabbat von Barcelona" auftauchte, nannte sich offiziell "Erster Internationaler Kongreß der Geheimwissenschaften".

Früher, so sagte man, durften nur eingeweihte und geladene Gäste auf Besenstielen oder mit Hilfe anderer Zaubermittel zum Hexensabbat auf den Blocksberg reiten. Heute kann sich jeder Zauberlehrling durch einfachen Kongreßbesuch über den letzten Stand der magischen Künste informieren – keine Hexerei.

Und so füllten denn auch zwei Tage lang um die vierhundert eifrige Zuhörer und Zuschauer die große Aula des Kongreßgebäudes, natürlich gegen Eintrittsgeld: Viertausend Peseten, rund hundert Mark, waren vorher zu entrichten. Dafür wurde aber einiges geboten.

Zum Beispiel eine richtige englische Hexe, Patricia Crowther, genannt "Thelema". Sie ist Oberpriesterin der Wicca-Sekte in Yorkshire und überbrachte dem Kongreß die tiefschürfende Botschaft, daß die Hexenkunst von allen Religionen der Menschheit die erste gewesen sei – auch heute noch immerzu und überall praktiziert.

Jedermann weiß, wie Hexen aussehen: alt und bucklig am Stock, triefäugig, dürr mit Spinnenfingern, Kopftuch obenauf und Warze, den Raben auf der Schulter nicht zu vergessen. Malefica Patricia schaute leider nur ein bißchen so drein wie die Hex’ im Märchen: zwar lange Nase, auch stechender Blick, aber noch nicht mal rote Haare. Statt dessen trug sie eine lange blonde Mähne.

Noch eine bedeutende blonde Teufelsdienerin trat als Gast auf: Lena Sinclair aus Frankreich. Sie hatte offensichtlich Schwierigkeiten mit der Erwartung des Publikums, erklärte also erst einmal, sie sei keine Hexe, sondern Hellseherin, und legte dann los mit kostenlosen Fern-Seh-Prognosen für 1979: Spanien kommt noch nicht in die EG, die Dollarkrise schwächt sich ab, die Gesellschaft polarisiert sich in linke und rechte Lager. Und all das weiß sie zu sagen durch einfaches Befragen von Handlinien und Kristallkugeln!

Etwas biederer gab sich "Madame Vera", ebenfalls Französin. Sie verwendet auf der Suche nach Erkenntnis Spielkarten und Tintenkleckse. Befragt, gibt sie bescheiden zu, "sich niemals in ihren (Prophezeiungen zu irren" – was die freiwilligen Versuchspersonen zunächst verblüffte, ehe sie in ungläubiges, aber bewunderndes Staunen verfielen. Das Publikum drängelte sich um Zugaben.