Herr Dr. Böhm, Sie haben neulich gesagt, es sei ganz und gar nicht heiter, so alt zu werden, wie Sie es sind: Vierundachtzig Jahre. Was bedrückt Sie an diesem Alter?

Böhm: Es wäre ungerecht, von großen Beschwerden zu reden; die habe ich nicht. Ich habe zwar einige Operationen hinter mich gebracht, eine Nierensteinoperation, eine Gallensteinoperation, die meine Lebensweise verändert haben. Ich kann seither nicht mehr so drauf los essen und trinken. Am meisten zu schaffen machen mir die Augen. Ich habe eine zweimalige Netzhautablösung hinter mir, die erste habe ich mir schon in jungen Jahren bei einem sehr scharf dirigierten Sforzato geholt. Am anderen Auge ist es dann 1960 während eines Konzertes in New York passiert. Als ich die Partitur zum "Capriccio" von Richard Strauss aufschlug, sah ich die Noten nur noch verschwommen. Ich hatte, wie sich hinterher herausstellte, auf dem noch gesunden Auge ein Loch in der Netzhaut. Ich flog sofort nach Wien, wo ich operiert wurde. Seit einiger Zeit bereitet mir ein langsam beginnender Grauer Star auf dem rechten Auge, auf dem ich noch sehe, große Schwierigkeiten beim Lesen.

Wegen Ihres Augenleidens sind Sie wohl zum Auswendigdirigieren gezwungen, oder würden Sie es ohnedies tun?

Böhm: Ich habe immer schon gern klassische Symphonien auswendig dirigiert; seit Beginn meiner Laufbahn. Ich fühle mich freier dem Orchester gegenüber, wenn ich nicht in die Partitur sehen muß. Ich muß die Musiker ständig im Blickfeld haben. Schließlich kommt es beim Dirigieren ja nicht auf die Handbewegungen an, sondern auf den inneren Kontakt. Das Geistige überträgt sich ja und nicht das Körperliche.

Herr Dr. Böhm, wenn man Sie über einen Abend hinweg beim Dirigieren beobachtet, bemerkt man, wie einiges von der Last des Alten von Ihnen abfällt; wie sehr Sie sich an einem solchen Abend verjüngen. Was geht denn da in Ihnen vor?

Böhm: Musik belebt mich ungeheuer. Ich hatte kürzlich an einem gewittrigen Tag den "Don Giovanni" zu dirigieren. Als ich ans Pult ging, hatte ich das Gefühl, daß ich keine sonderlich gute Vorstellung zustande bringen würde. Ich fühlte mich abgekämpft und sterbensmüde. Aber bereits nach der Ouvertüre war diese Mattigkeit wie weggeblasen. Ich wurde frisch und frischer, und am Ende der Aufführung fühlte ich mich richtig verjüngt. Ich hätte noch eine Menge anstellen können.

Bietet Ihnen ein Werk, das Sie viele, viele Male dirigiert haben wie Don Giovanni", noch so viele Überraschungen und Herausforderungen, daß Sie so stark regenerieren?