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Herr Dr. Böhm, Sie haben neulich gesagt, es sei ganz und gar nicht heiter, so alt zu werden, wie Sie es sind: Vierundachtzig Jahre. Was bedrückt Sie an diesem Alter?

Böhm: Es wäre ungerecht, von großen Beschwerden zu reden; die habe ich nicht. Ich habe zwar einige Operationen hinter mich gebracht, eine Nierensteinoperation, eine Gallensteinoperation, die meine Lebensweise verändert haben. Ich kann seither nicht mehr so drauf los essen und trinken. Am meisten zu schaffen machen mir die Augen. Ich habe eine zweimalige Netzhautablösung hinter mir, die erste habe ich mir schon in jungen Jahren bei einem sehr scharf dirigierten Sforzato geholt. Am anderen Auge ist es dann 1960 während eines Konzertes in New York passiert. Als ich die Partitur zum "Capriccio" von Richard Strauss aufschlug, sah ich die Noten nur noch verschwommen. Ich hatte, wie sich hinterher herausstellte, auf dem noch gesunden Auge ein Loch in der Netzhaut. Ich flog sofort nach Wien, wo ich operiert wurde. Seit einiger Zeit bereitet mir ein langsam beginnender Grauer Star auf dem rechten Auge, auf dem ich noch sehe, große Schwierigkeiten beim Lesen.

Wegen Ihres Augenleidens sind Sie wohl zum Auswendigdirigieren gezwungen, oder würden Sie es ohnedies tun?

Böhm: Ich habe immer schon gern klassische Symphonien auswendig dirigiert; seit Beginn meiner Laufbahn. Ich fühle mich freier dem Orchester gegenüber, wenn ich nicht in die Partitur sehen muß. Ich muß die Musiker ständig im Blickfeld haben. Schließlich kommt es beim Dirigieren ja nicht auf die Handbewegungen an, sondern auf den inneren Kontakt. Das Geistige überträgt sich ja und nicht das Körperliche.

Herr Dr. Böhm, wenn man Sie über einen Abend hinweg beim Dirigieren beobachtet, bemerkt man, wie einiges von der Last des Alten von Ihnen abfällt; wie sehr Sie sich an einem solchen Abend verjüngen. Was geht denn da in Ihnen vor?

Böhm: Musik belebt mich ungeheuer. Ich hatte kürzlich an einem gewittrigen Tag den "Don Giovanni" zu dirigieren. Als ich ans Pult ging, hatte ich das Gefühl, daß ich keine sonderlich gute Vorstellung zustande bringen würde. Ich fühlte mich abgekämpft und sterbensmüde. Aber bereits nach der Ouvertüre war diese Mattigkeit wie weggeblasen. Ich wurde frisch und frischer, und am Ende der Aufführung fühlte ich mich richtig verjüngt. Ich hätte noch eine Menge anstellen können.

Bietet Ihnen ein Werk, das Sie viele, viele Male dirigiert haben wie Don Giovanni", noch so viele Überraschungen und Herausforderungen, daß Sie so stark regenerieren?

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Böhm: Auch wenn ich ein Stück ein paar hundertmal dirigiert habe, erlebe ich es immer wieder aufs neue, weil ich stets mit großer Willenskraft versuche, jede Routine, die sich ja zwangsläufig einstellt, von mir abzuschütteln. Und so etwas merkt und honoriert mein Orchester.

Sie sprechen von Ihrem Orchester, welches ist denn Ihr Orchester?

Böhm: Die Wiener Philharmoniker natürlich – ein Orchester, das in seiner Homogenität und Vielseitigkeit einfach unübertroffen ist. Ich habe mit diesem Orchester Bruckner-, Beethoven- und Mozart-Interpretationen erlebt, die als Idealdarbietungen bezeichnet werden dürfen. Ich stehe mit den Berliner Philharmonikern auch sehr gut. Die Berliner sind ein ebenso großartiges Orchester, dank der intensiven Schulung meines Freundes Karajan. Ich bin mit ihnen seit 1934 in Kontakt. Aber die Wiener liegen mir halt mehr.

Nachdem Sie zum erstenmal die Wiener Philharmoniker dirigiert hatten – es war 1933 mit der Oper "Tristan" –, haben Sie in Ihr Tagebuch etwa folgendes eingetragen: "Jetzt habe ich alles erreicht, was ein Musiker überhaupt erreichen kann. Ich habe die Wiener Philharmoniker dirigiert." Würden Sie das heute, nachdem Sie alle großen Orchester dirigiert haben, auch noch sagen?

Böhm: Das ist eine Fangfrage. Die Wiener Philharmoniker sind Blut von meinem Blut. Sie sprechen die gleiche Sprache wie ich. Ich kenne dieses Orchester ja seit meiner Jugend. Ich habe in meiner Studentenzeit viele, viele philharmonische Konzerte gehört. Ich erinnere mich noch an die Zeiten, als in den Konzerten der Wiener Philharmoniker Brucknerianer und Brahmsianer aufeinander losgingen. Ertönte eine Bruckner-Symphonie, haben die Brahmsianer gelärmt, und die Brucknerianer sind auf sie losgegangen. Wurde eine Brahms-Symphonie gespielt, haben die Brucknerianer Front gemacht. Ich habe das alles im Stehparterre des Musikvereinssaales miterlebt.

Auf welcher Seite standen Sie?

Böhm: Ich war hin- und hergerissen. Da ich beide Komponisten sehr liebe, versuchte ich, als eine Art Makler die Parteien zu versöhnen.

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An sich neigen Sie gar nicht so sehr zum Versöhnlichen, zum Ausgleich? Bei vielen Musikern sind Sie wegen Ihres Sarkasmus gefürchtet. In Proben können Sie recht hart und ironisch sein, wenn Musiker Ihrer Intention nicht folgen können. So haben Sie einmal einen Sänger gefragt: "Warum halten Sie denn den Ton so lange, wollen Sie vielleicht darauf ein Haus bauen?" Gibt es bei Ihnen keine Kompromisse?

Böhm: In der Musik kenne ich keine Kompromisse. Ich bin sonst ein Leben lang ein Sünder gewesen, habe allerhand angestellt, gelogen und auch andere Dinge getan, die mir nicht zum Ruhm gereichen.

Was sind das für Dinge?

Böhm: Da reden wir am besten nicht drüber. Aber ich versichere Ihnen, in der Musik war ich immer ehrlich. Ich kann den Musikern, besonders den Sängern, keine Mogeleien, keine Halbheiten und keine Schlampereien durchgehen lassen. Ich bin für äußerste Präzision; und wenn ich ihnen das sage, bin ich oft ungeduldig, mein Ton ist manchmal barsch und ironisch.

Hat dieser Präzisionssinn etwas mit Ihrem zweiten Beruf zu tun? Sie sind ja nicht nur Musiker, Sie sind auch promovierter Jurist. Und Juristen sollten ja sehr präzise sein.

Böhm: Das muß ich verneinen. Ich habe auf Wunsch meines Vaters Jura studiert und den Doktor gemacht. Aber ich wußte von Anfang an, daß ich Musiker werden wollte. Obwohl ich sehr früh mit Klavier- und Geigenunterricht begonnen habe, bestand mein Vater darauf, daß ich einen soliden Beruf erlernte.

Ist die Zeit, in der Sie Jura studieren mußten, für Sie eine verlorene Zeit? Nehmen Sie es Ihrem Vater übel?

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Böhm: Ob sie verloren ist oder nicht, weiß ich nicht. Meinem Vater habe ich nie etwas übelgenommen. Ich habe ja allmählich begriffen, warum er diese Bedingung gestellt hat. Sie dür-

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fen nicht vergessen, daß ich auch während meines Jurastudiums Musik gemacht habe. Meine Eltern waren sehr musikalisch, wir hatten oft Sänger bei uns zu Hause. Es gab Konzertabende und sogar kleine Opernaufführungen. Es ging überhaupt hoch her bei uns zu Hause. Es wurde getafelt und getrunken. Keip Wunder, daß mein Vater 100 Kilo wog. Er war ein sehr lebenslustiger, fröhlicher Mensch im Unterschied zu mir.

Sind Sie ein Melancholiker?

Böhm: Nicht direkt. Manche sagen, ich bin ein Grantler, wie es in Österreich so schön heißt. Ich bin am gleichen Tag wie Goethe geboren. Goethe war pedantisch, ich bin es auch.

Wie haben Sie es denn geschafft, daß Sie wenige Wochen, nachdem Sie im April 1919 Ihre Doktorprüfung abgelegt hatten, im Stadttheater Ihrer Heimatstadt Graz den fliegenden Holländer" dirigieren konnten?

Böhm: Ich habe während meines Jurastudiums, wie schon gesagt, auch kräftig Musik studiert und am Grazer Theater als Korrepetitor gearbeitet; abends hatte ich oft Bühnendienst zu machen. Ich kann sagen, ich habe von der Pieke auf gedient – was ich heute bei vielen Kollegen vermisse. Dort in Graz habe ich gelernt, was ich von einem Sänger verlangen kann und was nicht.

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Sie hatten aber nie regulären Kapellmeisterunterricht?

Böhm: Nein, das hatte ich nicht. Ich habe alles abgeguckt.

Wem?

Böhm: Den Dirigenten, die ich kannte. Ich bin ein Autodidakt, und das brachte mich gelegentlich in Schwierigkeiten. Ich mußte mal von einem Kollegen, der plötzlich krank geworden war, den Bühnendienst in der "Aida" übernehmen. Ich wußte damals noch nicht, daß man die Zwei im Viervierteltakt nach links hinüber schlägt statt nach rechts, wie beim Dreivierteltakt. Das Orchester hat sich daraufhin bei der Direktion über mich beschwert. Die Musiker sagten, sie wollten nicht mit einem Dirigenten arbeiten, der nicht einmal in der Lage sei, den Takt richtig zu schlagen. Das habe ich dann aber im Eiltempo gelernt bei einem Kollegen, einem Einspring-Kapellmeister, der alle Opern kannte, aber keinen schöpferischen Funken in sich hatte. Er hat mir das Schlagen in ein paar Stunden beigebracht.

Von Graz, Herr Dr. Böhm, sind Sie dann nach München gegangen als Dritter Kapellmeister zunächst, obwohl Sie die Möglichkeit, gehabt hätten, selbst Chef der Oper in Graz zu werden.

Böhm: Ja, in Graz war mir die Position eines Operndirektors so gut wie sicher. In München sollte ich auf einem Gebiet arbeiten, auf dem ich am wenigsten zu Hause war: Auf dem Gebiet der Spieloper. Ich hatte schlaflose Nächte, denn ich überlegte hin und her, ob ich das sichere Engagement in Graz aufs Spiel setzen sollte, denn wäre ich beim Probedirigieren in München durchgefallen, wäre meine Stellung in Graz natürlich auch erschüttert gewesen. Ich bin das Risiko eingegangen. In der Probe zum "Freischütz", der einzigen Orchesterprobe übrigens, saß Bruno Walter, der damalige Chef der Münchner Oper, hinter mir. Als ich in der Partitur einen Fehler entdeckte, eine fehlende Klarinettenstelle beim Auftritt der Eremiten, klopfte er mir auf die Schulter und sagte: "Brav, brav." Ich hatte gewonnen. Doch erst Tage, später, nach einer "Butterfly"-Aufführung, rief mich der Walter zu sich und sagte: "Sollten Sie das Gefühl haben, daß Sie noch etwas zu lernen hätten, dann kommen Sie zu mir, vielleicht können Sie von mir etwas lernen. Sollten Sie aber das Gefühl haben, fertig zu sein, dann bleiben Sie in Graz."

Ich hatte sehr wohl das Gefühl, daß ich noch viel zu lernen hatte. Ich habe diesen Schritt nie bereut, denn Bruno Walter verdanke ich die Entdeckung der Mozartschen Musik. Ich war ja damals ein Wagnerianer, der verächtlich auf Mozart herunterschaute. Aber irgendwie zog es mich in die Mozart-Aufführungen, die Bruno Walter dirigierte. Ich war plötzlich fasziniert von Mozart und hatte nur noch einen Wunsch, Mozart, Mozart zu dirigieren. Diesen Wunsch hat mir Bruno Walter bereits in meinem ersten Münchner Jahr erfüllt. Er ließ mich: bei den Festspielen im Residenztheater die "Entführung aus dem Serail" dirigieren – in einer erstklassigen Besetzung mit Maria Ivogün, Paul Bender und Richard Tauber. Also, was Besseres kann man sich nicht wünschen.

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Sie haben dann im Verlauf Ihrer Karriere unser Mozart-Bild mit Ihren Interpretationen entscheidend geprägt. Worin unterscheidet sich Ihre Mozart-Auffassung von den Interpretationen früherer Zeiten und von den Interpretationen anderer Dirigenten?

Böhm: Ja, sehen Sie, ich möchte kein Urteil über Kollegen fällen.

Dann darf ich das vielleicht. Bruno Walter beispielsweise, wir können es ja auf den Schallplatten hören, hat Mozart sehr sentimental dirigiert, während Sie Mozart klassisch-kühl dirigieren.

Böhm: Sie haben ausgesprochen, was ich nicht sagen möchte. Ähnlich verhält es sich ja auch mit Richard Strauss. Es gibt eine Platte, auf der Mozarts G-Moll-Symphonie von Strauss und auf der anderen Seite von mir dirigiert wird – ein fundamentaler Unterschied.

Bruno Walter verdanken Sie aber nicht nur den Zugang zu Mozart, sondern auch die Bekanntschaft einer jungen Dame, die dann Ihre Frau wurde.

Böhm: Diese Dame, Thea Linhard, war siebzehn Jahre alt, als sie von Bruno Walter an die Münchner Staatsoper geholt wurde. Sie war die Tochter eines Münchner Kaufmannes und hat mir auf Anhieb gefallen. Als ich das erste Mal mit ihr arbeitete – sie sang zum erstenmal die Boheme – habe ich sie unglaublich zurückhaltend, aber doch sehr feurig begleitet. Also kurz und gut, es entwickelte sich eine innige Freundschaft, die dann 1927 zur Ehe führte.

Herr Dr. Böhm, Sie sind in früheren Jahren schon mit vielen bedeutenden Komponisten zusammengetroffen. Wer hat auf Sie den stärksten Eindruck gemacht?

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Böhm: Zwei Menschen: Richard Strauss und Alban Berg. Mit Richard Strauss kam ich schon in Graz in Berührung, als ich die Schule schwänzte, um bei den Proben zum "Rosenkavalier" dabeisein zu können. Ich habe damals den "Rosenkavalier" sehr genau kennengelernt. Ich war seinerzeit als junger Mensch ganz gefesselt von den Klängen der silbernen Rose und bin davon nie mehr losgekommen.

Wann und wo haben Sie Strauss persönlich kennengelernt?

Böhm: In Dresden.

Wo Sie 1934 Generalmusikdirektor wurden. Zuvor waren Sie in gleicher Stellung in Darmstadt und Hamburg.

Böhm: Ja, aber das müssen wir ja nicht alles chronologisch rekapitulieren. Also in Dresden habe ich Strauss kennengelernt – als Dirigent, als Freund und als ungeheuer geistigen Menschen. Denn man darf nicht vergessen, Strauss war nicht nur ein hervorragender Musiker, was alle Welt weiß, er war auch ein Mann, der sich in der Literatur hervorragend ausgekannt hat, und nicht nur in der deutschen, sondern auch in der russischen. Er hat auch zur Malerei eine innige Beziehung gehabt. Ich habe mich über alle Themen, nicht nur die Musik, sondern auch der Literatur mit ihm unterhalten und viel, viel von ihm profitiert. Wenn wir über musiktheoretische Fragen gesprochen haben, hat sich Strauss oft darüber beklagt, daß man ihn einen Renegaten nannte. Er hat gesagt: "Mich nennen sie einen Renegaten, ich selber habe ja mit dem Unsinn begonnen. Schauen Sie sich die Klytämnestra-Szene in der ‚Elektra‘ an. Die ist ja fast vollkommen atonal geschrieben. Ich selber habe also mit dem Unsinn begonnen."

Mit Unsinn meinte er die Atonalität?

Böhm: Die Atonalität! Er ist ja später dann ganz zur Melodie zurückgekehrt.

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Sie waren zwanzig Jahre lang mit Strauss befreundet. Er hat Ihnen kurz vor seinem Tod einen langen Brief geschrieben ...

Böhm: ... ja, einen Brief, einen Brief voller Verzweiflung. Er stand ganz unter dem Eindruck des verlorenen Krieges und vor allem unter dem Eindruck der völlig zerstörten Opernhäuser in ganz Deutschland. Er hat ernsthaft daran gezweifelt, daß diese Opernhäuser je wieder aufgebaut würden. Er hat überhaupt in einem furchtbaren Pessimismus gelebt. Ich habe drüben in meinem Schlafzimmer eine Photographie, eine der letzten, die von Strauss gemacht wurden. In seinem Gesicht ist der ganze Weltschmerz jener Zeit eingegraben.

Nun, er hatte ja auch allen Grund zum Pessimismus. Strauss, der einst der erfolgreichste deutsche Opernkomponist war, rein geschäftlich gesehen, wo sollte er seine Werke aufführen?

Böhm: Ja, das stimmt. Hier möchte ich etwas einflechten, was nur wenige Menschen wissen. Das größte Geschäft seines Lebens hat Strauss ja mit dem "Rosenkavalier" gemacht. Sie wissen, das Werk wurde 1911 in Dresden uraufgeführt von Ernst von Schuch. Er war auch ein Grazer. Von Berlin kamen sogenannte "Rosenkavalier"-Züge nach Dresden, ein- bis zweimal in der Woche. Die Vorstellungen waren über viele Wochen hinaus ausverkauft. Strauss hat mit diesem Werk ein Vermögen gemacht. Das war knapp vor dem Ersten Weltkrieg. Er hat sich vorausschauend überlegt, wo kann ich mein Geld am sichersten anlegen? Er hat es in englischen Pfund auf der Bank in England angelegt. Es waren ungefähr eine Million Pfund. Er hat mir die Zahl selbst genannt. Dieses gesamte Vermögen wurde, als der Erste Weltkrieg verlorenging, als Kriegsentschädigung konfisziert. Man kann also verstehen, warum Strauss nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg so verzweifelt war. Er befürchtete ähnliches.

Stimmt es, daß Sie eine Reihe von Skizzenbüchern von Strauss-Opern verwahren?

Böhm: Ja, ich besitze die Skizzenbücher zu "Elektra", "Daphne", "Ariadne" und "Frau ohne Schatten".

Die Oper "Daphne" ist ja Ihnen gewidmet.

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Böhm: Ja, sie ist mir gewidmet, und ich habe sie ja auch uraufgeführt, obwohl – ich sage es ganz ehrlich – ich sie gar nicht so gern habe. Strauss wollte das Werk symphonisch beenden mit einem riesigen C-Dur-Rummel, so wie im Fidelio. Aber als Symphoniker auf dem Theater hatte Strauss nicht die Kraft eines Beethoven besessen. Aber wer reicht auch schon an Beethoven heran?

Herr Dr. Böhm, der andere Komponist, mit dem Sie ebenfalls befreundet waren, das war Alban Berg. Sie haben ja ganz früh schon seinen "Wozzek" in Darmstadt und dann in der ganzen Welt aufgeführt.

Böhm: Ja, für den "Wozzek" war ich eine Art Pionier. Ich war der erste, der diese Oper nach Neapel und Buenos Aires gebracht hat, "Lulu" habe ich in Wien erstaufgeführt und so das Versprechen eingelöst, das ich Alban Berg gegeben habe: wo immer es geht, den "Wozzek" ins Programm zu bringen. Das war eine harte Arbeit, bis ich dieses Werk mit seinen damals ganz ungewohnten Klängen 1931 in Darmstadt einstudiert hatte. Wenn ich mich recht entsinne, dauerte es nahezu ein Jahr. Ich habe ganze Ferien dazu benutzt, um die Partitur wirklich genau kennenzulernen.

Herr Dr. Böhm, Sie haben ja eine Zeitlang, vor allem zu Beginn Ihrer Karriere, sehr viel zeitgenössische Musik dirigiert. Sie haben viele Opern uraufgeführt, die man heute nicht mehr kennt. Aber dann haben Sie sich ganz auf das klassisch romantische Repertoire beschränkt. Warum?

Böhm: Das hängt mit meinen Augen, zusammen. Ich kann heute ein b von einem Kreuz auf Anhieb nicht mehr unterscheiden, ich kann also die schwierigen Partituren der Neuen Musik nicht mehr einstudieren.

Sind es nur Ihre Augen? War es vielleicht nicht auch eine innere Abkehr von der Neuen Musik? Haben Sie nicht einmal gesagt, daß eigentlich nach dem "Wozzek" keine Oper von Bedeutung mehr komponiert worden ist?

Böhm: Ja, vielleicht. Ich habe kürzlich in München den "Lear" von Aribert Reimann gehört, und ich habe zufällig den Komponisten getroffen. Ich habe ihm Komplimente gemacht. Die Oper ist intensiv geschrieben, beste Bühnenmusik. Aber eine erklärende, eine illustrierende Musik. Eine Musik, bei der ich die höhere Form vermisse. Solche Musik würde ich nicht dirigieren. Eine formlose Kunst ist für mich keine Kunst. Da ich kein Schwindler bin am Dirigentenpult, kann ich mich nicht für eine Musik einsetzen, zu der ich nicht einigermaßen stehe. Schauen Sie, ich habe früher die modernste Musik gemacht, aber es war immer Musik, mit der ich wenigstens halbwegs einverstanden war. Ich habe dabei gedacht: Na, ich verstehe diese Musik heute noch nicht so richtig, aber vielleicht führt sie zum neuen Messias, den wir in der Musik so dringend erwarten. Es muß ja nicht gleich ein Mozart sein. Ein moderner Puccini täte es ja auch schon.

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Was mich heute bei der Neuen Musik so irritiert, ist, daß sie kaum Widerspruch erregt. Diese Musik läßt die Menschen gleichgültig. Und das ist. das schlimmste, was man über Musik sagen kann. Das irritiert mich. Schauen Sie, Wagner wurde bekämpft bis aufs Messer von einem gewissen Teil des Publikums. Bruckner ging es ebenso. Brahms auch. Das Publikum war entweder dafür oder dagegen. Die heutige Musik läßt das Publikum kalt. Die Leute sind froh, wenn das Stück vorüber ist, oder sie gehen erst gar nicht ins Konzert, wenn ein modernes Stück auf dem Programm steht. Das muß ja irgendeinen Grund haben. Ganz für blöd kann man das Publikum ja auch nicht verkaufen.

Nach dem Krieg hatten Sie für fast zwei Jahre Auftrittsverbot, obwohl Sie nicht in der NSDAP waren. Ich glaube, Sie durften nicht einmal Musikunterricht geben. Was haben Sie denn in dieser Zeit getan?

Böhm: In dieser Zeit bin ich wie ein brüllender Löwe in meiner Wohnung in Graz herumgelaufen. Zu allem Unglück hatte ich auch noch mein Erspartes verloren: Zwanzigtausend Mark, die ich in einer Fettfabrik eines Freundes investiert hatte. Die Russen haben die Fabrik enteignet, und mein Geld war futsch. Wissen Sie, wovon wir gelebt haben? Vom Stundengeben meiner Frau. Sie war eine glänzende Gesangslehrerin. Wir lebten in einer kleinen Dreizimmerwohnung, ich mußte mir von früh bis nachts diese Sänger oder Sängerinnen anhören. Sie können sich denken, in welchem Zustand ich war. Ich war nicht in der Lage, in eine Partitur hineinzuschauen. Ich habe immer nur darauf gewartet, daß die Überprüfung meines Falles zu einem positiven Ergebnis führen würde, ob man mich endlich wieder für würdig hielt, auf die Menschheit losgelassen zu werden.

1947 durften Sie dann wieder dirigieren, und Sie begannen, bis etwa 1955, eine rege Reisetätigkeit. Heute dieses Orchester – morgen jenes. Sie hatten einen richtigen Nachholbedarf. Wie denken Sie denn heute über diese unsteten Jahre?

Böhm: Ja. Ich wollte internationale Fäden knüpfen. Nur zu deutlich hatte ich noch im Ohr, was mich die Engländer, Amerikaner und die Russen kaltlächelnd gefragt hatten: "Wenn Sie ein Gegner des Nazitums waren, Herr Böhm, warum sind Sie denn dann nicht emigriert?" Die hatten gut reden. Schließlich hatte ich eine Familie zu ernähren und keinerlei Verbindungen nach London oder nach Amerika. Wie sollte ich dort Geld verdienen? Die anderen, die in die Emigration gegangen sind, hatten es ja eigentlich besser als ich, der ich zu Hause geblieben bin. Sie hatten keine Bombenangriffe zu überstehen; sie hatten Arbeit.

Sind Sie politisch gesehen ein Konservativer?

Böhm: Glauben Sie mir, ich bin politisch gesehen gar nichts. Ich stehe weder auf der einen noch auf der anderen Seite. Politik interessiert mich überhaupt nicht und hat mich nie interessiert, im Unterschied zu meinem Sohn Karlheinz. Ich war noch nie in einem Verein und werde nie in einem sein. Ich bin und bleibe ein Einzelgänger, dem jede Anpassung schwerfällt.

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1955 haben Sie aber eine Art Anpassung versucht. Sie wurden Wiener Operndirektor.

Böhm: Ja, gerade für ein Jahr. Ich wollte diese Stellung aber gewiß nicht haben, weil ich ja wußte, was es bedeutet, in Wien Operndirektor zu sein. Verfolgen Sie doch die Wiener Direktoren vom berühmten Gustav Mahler bis hin zu meinem Freund Herbert von Karajan. Alle haben diesen Posten freiwillig oder halb freiwillig verlassen. Sie sind gescheitert, um es präzise zu sagen.

Woran liegt das?

Böhm: Ich glaube, ich tue gut daran, wenn ich das umschreibe. Meine Büste steht seit einiger Zeit in der Wiener Oper, ein ganz scheußliches Ding. Ich kann mich darin nicht erkennen. Aber sie steht nun mal dort. Als sie sozusagen der Öffentlichkeit übergeben wurde, mußte ich eine Rede halten. Und dabei habe ich gesagt: "Ich danke euch lieben Wienern, daß ihr mich für würdig befunden habt, in der Wiener Oper aufgestellt zu werden. Liebt eure Oper wie eh und je, aber intrigiert um Gottes willen ein bißchen weniger." Sehen Sie, da liegt des Rätsels Lösung. Übrigens: Ich habe vor kurzem die Mitteilung bekommen, daß ich Ehrenbürger von Wien werde. Karajan ist der 16. und ich der 17. Mehr Ehrenbürger dürfen nicht ernannt werden. Na was will man mehr am Ende seines Lebens. Das ist doch eine ungeheure Ehre, eine Art Krönung. Damit, glaube ich, ist alles, was zwischen mir und Wien war, begraben.