Sie hatten aber nie regulären Kapellmeisterunterricht?

Böhm: Nein, das hatte ich nicht. Ich habe alles abgeguckt.

Wem?

Böhm: Den Dirigenten, die ich kannte. Ich bin ein Autodidakt, und das brachte mich gelegentlich in Schwierigkeiten. Ich mußte mal von einem Kollegen, der plötzlich krank geworden war, den Bühnendienst in der "Aida" übernehmen. Ich wußte damals noch nicht, daß man die Zwei im Viervierteltakt nach links hinüber schlägt statt nach rechts, wie beim Dreivierteltakt. Das Orchester hat sich daraufhin bei der Direktion über mich beschwert. Die Musiker sagten, sie wollten nicht mit einem Dirigenten arbeiten, der nicht einmal in der Lage sei, den Takt richtig zu schlagen. Das habe ich dann aber im Eiltempo gelernt bei einem Kollegen, einem Einspring-Kapellmeister, der alle Opern kannte, aber keinen schöpferischen Funken in sich hatte. Er hat mir das Schlagen in ein paar Stunden beigebracht.

Von Graz, Herr Dr. Böhm, sind Sie dann nach München gegangen als Dritter Kapellmeister zunächst, obwohl Sie die Möglichkeit, gehabt hätten, selbst Chef der Oper in Graz zu werden.

Böhm: Ja, in Graz war mir die Position eines Operndirektors so gut wie sicher. In München sollte ich auf einem Gebiet arbeiten, auf dem ich am wenigsten zu Hause war: Auf dem Gebiet der Spieloper. Ich hatte schlaflose Nächte, denn ich überlegte hin und her, ob ich das sichere Engagement in Graz aufs Spiel setzen sollte, denn wäre ich beim Probedirigieren in München durchgefallen, wäre meine Stellung in Graz natürlich auch erschüttert gewesen. Ich bin das Risiko eingegangen. In der Probe zum "Freischütz", der einzigen Orchesterprobe übrigens, saß Bruno Walter, der damalige Chef der Münchner Oper, hinter mir. Als ich in der Partitur einen Fehler entdeckte, eine fehlende Klarinettenstelle beim Auftritt der Eremiten, klopfte er mir auf die Schulter und sagte: "Brav, brav." Ich hatte gewonnen. Doch erst Tage, später, nach einer "Butterfly"-Aufführung, rief mich der Walter zu sich und sagte: "Sollten Sie das Gefühl haben, daß Sie noch etwas zu lernen hätten, dann kommen Sie zu mir, vielleicht können Sie von mir etwas lernen. Sollten Sie aber das Gefühl haben, fertig zu sein, dann bleiben Sie in Graz."

Ich hatte sehr wohl das Gefühl, daß ich noch viel zu lernen hatte. Ich habe diesen Schritt nie bereut, denn Bruno Walter verdanke ich die Entdeckung der Mozartschen Musik. Ich war ja damals ein Wagnerianer, der verächtlich auf Mozart herunterschaute. Aber irgendwie zog es mich in die Mozart-Aufführungen, die Bruno Walter dirigierte. Ich war plötzlich fasziniert von Mozart und hatte nur noch einen Wunsch, Mozart, Mozart zu dirigieren. Diesen Wunsch hat mir Bruno Walter bereits in meinem ersten Münchner Jahr erfüllt. Er ließ mich: bei den Festspielen im Residenztheater die "Entführung aus dem Serail" dirigieren – in einer erstklassigen Besetzung mit Maria Ivogün, Paul Bender und Richard Tauber. Also, was Besseres kann man sich nicht wünschen.