Wenn sich eine untergewichtige Kunstturnerin am Stufenbarren von Holm zu Holm schwingt, eine Minderjährige ästhetisch durchs Wasser gleitet, ein zwölfjähriges Mädchen übers Eis wirbelt, dann ist Deutschlands Fernsehgemeinde entzückt. Anschließend veröffentlicht irgendeine Illustrierte Bilder von deformierten Wirbelsäulen bei Kunstturnerinnen. Und im Bericht wird, zum Beispiel, der Schreckensruf der damals 16jährigen Turnerin Herta Löwenberg zitiert: "Sport ist Mord."

Das Urteil über den Hochleistungssport im Kindes- und Jugendalter kommt somit im Wechselbad zustande: Gewinnen die Kinder die Medaillen, werden alle Bedenken bezüglich gesundheitlicher und psychischer Schäden beiseitegewischt; ansonsten ist es chic, im Chor der Verteufler des jugendlichen Hochleistungssports mitzuposaunen.

Das in Köln beheimatete Bundesinstitut für Sportwissenschaft hat versucht, zur Versachlichung der Diskussion um den Hochleistungssport im Kindes- und Jugendalter beizutragen. Unter Ausklammerung der medizinischen Seite hat es den Tübinger Psychologen Professor Gerhard Kaminski damit beauftragt, die psychologische Situation der sportengagierten Kinder zu untersuchen. Professor Kaminski wählte 98 zehn- bis vierzehnjährige Hochleistungssportler in den Disziplinen Eiskunstlauf, Schwimmen und Kunstturnen aus und verglich ihre schulischen Leistungsdaten mit denen von Schülern ohne besonderes außerschulisches Engagement und mit denen von Jugendlichen, die neben der Schule noch durch musikalische Betätigung besonders stark in Anspruch genommen werden.

Zunächst einmal wurde die Vermutung bestätigt, daß Hochleistungssport treibende Kinder und Jugendliche zeitlich außerordentlich in Anspruch genommen werden. Für ihren Sport müssen sie, neben der Schulzeit, wöchentlich bis zu 30 Stunden aufwenden. Die Eiskunstläufer mit einem Aufwand bis zu fünf Stunden täglich führen dabei deutlich vor Schwimmern und Turnern. Dreißig Wochenstunden Sport sind allerdings nicht gleichbedeutend mit harter Trainingsarbeit. Rund ein Drittel der Zeit geht nämlich für An- und Abfahrten sowie für Vor- und Nachbereitung (wie Umkleiden und Duschen) verloren.

Nun sind, so Gerhard Kaminski, diese auf den ersten Blick erschreckenden zeitlichen Anforderungen noch kein Anlaß, über die "armen Kinder" im Sport zu klagen. Den Musikern unter den Schülern geht es ähnlich. Ihr Zeitaufwand für den außerschulischen Musikunterricht kommt dem der Schwimmer und Kunstturner sehr nahe. Tatsache ist, daß das Sportengagement bei den schulischen Leistungen keineswegs so negativ zu Buche schlägt, wie dies vielleicht befürchtet wird. Leistungssportlich aktive Schüler haben einen nur unwesentlich schlechteren Notendurchschnitt als die normale Vergleichsgruppe, wobei die wahrscheinlich intellektuell stärker geforderten "Musiker" mit ihrem Schulnotendurchschnitt am besten dastehen. Dank eines verstärkten Nachhilfeunterrichts konnten auffällige Schullücken bei Sportlern vermieden werden.

Die Überraschung aber war fällig, als Professor Kaminski mit Hilfe seiner Statistik nachwies, daß jugendliche Hochleistungssportler seltener "sitzenbleiben" als ihre Mitschüler. "Musiker" haben es schon schwerer, und Normalschüler müssen noch häufiger um ihre Versetzung fürchten.

Die Frage nach einer Erklärung für diese überraschende Erkenntnis blieb vorerst unbeantwortet. Eine Vermutung geht dahin, daß die Leistungssportler im Zweifelsfalle bei ihren Lehrern einen Bonus besitzen. Jedenfalls wird ihr schulisches Verhalten von den Klassenlehrern durchweg positiv bewertet: "Hochleistungssportler sind in der Schule weniger aggressiv, zeichnen sich durch besseres soziales Verhalten aus und werden dank ihrer Erfahrungen im Sport auch mit schulischen Streßsituationen leichter fertig als andere."