’München

Für Münchens Sozialdemokraten sollten die Vorweihnachtswochen spaßig werden. "Wer weiß den besten Kiesl-Witz?" fragten sie vorletzte Woche zum Auftakt eines Wettbewerbs in ihrer "Rathauspost", mit dem das Andenken an den gar nicht so lustigen Einstand des CSU-Oberbürgermeisters Erich Kiesl wachgehalten werden soll. Während Kiesls schneller Imageverfall inzwischen von seinen amtlich besoldeten Öffentlichkeitsarbeitern gebremst wurde, waren die SPD-Stadträte um den ersten Witz nicht verlegen: "Zur Imagepflege des Oberbürgermeisters wird der Marienplatz vor dem Rathaus jetzt gepolstert. Wieso? Damit es nicht immer so klimpert, wenn Kiesl das Geld beim Fenster rauswirft."

Der politische Wert des faden Scherzes ist freilich gering, denn Geld wirft mit vollen Händen allenfalls der Stadtrat aus dem Fenster. In München purzeln seit einiger Zeit nur so die Millionen, denn alle Großprojekte, die die Stadt anpackte,, wurden über Nacht zu purem Geld und dementsprechend teuer. Als unersättliche Millionengrube entpuppte sich das Deutsche Theater, ein nach dem Krieg offenbar nur mit Pappmache, Mörtel und etwas Wasser wiederaufgebauter Prunkbau, der trotz seiner Baumängel die wildesten Faschingsbälle jedes Jahr unbeschadet überstand. Dennoch beschloß der Stadtrat anno 1974, das Haus zu renovieren. Kosten sollte das damals zwei Millionen Mark.

Inzwischen stehen von dem Haus unweit des Stachus nur noch die Außenmauern, die Kosten sind auf 38 Millionen Mark geklettert (von denen der Stadtrat acht Millionen strich), und der erste Faschingsball wird frühestens 1982 in der Goldgrube stattfinden. Wie so etwas möglich ist, können die Bauleute nicht erklären. Immerhin! fühlte sich Münchens Stadtrat von ihnen "verschaukelt" und fragte bescheiden, warum erst bei der "Verfeinerung" der Planung im September 1977 festgestellt wurde, daß auch Lüftung, Heizung, Garderobe und Toiletten erneuert werden müssen. Und im Dezember 1977 klopfte ein Bauarbeiter dann auch mal an Mauern und Wände und entdeckte, daß sie teilweise aus mit Gips verputzten Drahtgittern und Holzverschlägen bestehen und vielleicht nach dem Krieg von einem Bühnenbildner in der Theaterpause hochgezogen wurden.

Da muß natürlich etwas Solides her, wenn die Landeshauptstadt München heute baut. Wie beim Kulturzentrum am Gasteig, dessen Fundamente eben neben dem berühmt-berüchtigten "Bürgerbräukeller" ausgeschachtet werden. Dort erhält München endlich einen der Musikszene der Stadt entsprechenden Konzertsaal für 2500 Zuhörer, sowie einen Neubau für das Richard-Strauss-Konservatorium, die Volkshochschule und die Stadtbibliothek. Mit der Glas- und Betonfassade, im modernen Gigantismus dem ungleich eleganteren Pariser Kulturzentrum nachempfunden, sollen in München Zeichen für den kulturellen Mittelpunkt einer Großstadt gesetzt werden. Das wollten sich die Stadtväter durchaus 150 Millionen Mark kosten lassen. Doch wie das Schicksal nun einmal bei kommunalen Bauten in München so spielt, kletterten die Preise flugs in die Höhe. Nun wird das Gasteig-Zentrum 220 Millionen Mark kosten und der Stadtrat beschloß, daß vorerst nur der kostspieligste Teil mit dem Konzertsaal gebaut wird.

Daß Geld im wahrsten Sinne des Wortes auch den "Bach runtergehen" kann, wissen Münchens Stadträte seit einiger Zeit ebenfalls. Sie kalkulierten ihr Programm zur Wasserbeschaffung aus den klaren Quellen im Loisachtal unweit von Garmisch ursprünglich auf 300 Millionen Mark. Bis jetzt wurden aber schon 617 Millionen verflüssigt, zumal ein von den Loisachtalern erzwungener Großpumpversuch zwar täglich einige Millionen Liter reinsten Wassers liefert, die aber nicht in die Münchner Leitung, sondern ungenutzt wieder in die Loisach fließen. Jetzt soll das teuere Wasserspiel, das dem Zweck dient, Entschädigungen für den Fall einer Grundwasserabsenkung zu kalkulieren, noch um ein Vierteljahr verlängert werden, was womöglich weitere 50 Millionen Mark kostet.

Dafür will München allerdings nicht zahlen. "Es muß ein finanzieller Ausgleich gefunden werden", verkündete Kiesl nun ein neues Finanzierungsmodell mit einem Seitenblick auf die von seinem Parteifreund Max Streibl verwaltete Staatskasse. Kiesls Schachzug könnte zum Präzedenzfall für weitere Bittgänge der Stadt beim Land werden, denn Streibl fühlt sich dem Wohl der Loisachtaler besonders verpflichtet. Sie leben in seinem Stimmkreis. Rolf Henkel