"Mondfinsternis", von Wladimir Tendrjakow. Während dieser Mondfinsternis entwickelt sich die Liebe von Maja und Pavel. Aber nach der Heirat wird der Titel zur Allegorie: Wer stellt wen in den Schatten, sie, die Illusionistin, ihn, den pragmatischen Wissenschaftler, oder umgekehrt? Wessen Ansichten in den folgenden Auseinandersetzungen sind die Wahrheit und kann es sie überhaupt ohne die Lüge geben? Die vermeintliche Geschichte von Liebe, Ehe und deren Scheitern ist mehr die Hintergrundmusik zum wirklichen Geschehen: die Schwierigkeit des Zusammenlebens und bei seinem Mißlingen, die Frage nach der Schuld. Zum Schluß scheitern beide, Maja und Pavel. Weil jeder für sich die Probleme nicht bewältigt und beide nicht erkennen wollen, daß es kein Entweder-Oder gibt, sondern immer die Dualität, auch die von Illusion und Wirklichkeit. – Leider nehmen einem die unmittelbaren Dialoge die Spannung des Enträtseins und lassen das Lesebuch bisweilen zum langweiligen Lehrbuch geraten. (Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1978; 314 S., 28,– DM.)

Johanna Jachmann

"Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord", von Alfred Döblin. Eine Woche lang, im März 1923, verhandelte das Berliner Landgericht, hörte vier Sachverständige, lud 21 Zeugen. Angeklagt waren zwei junge Frauen; die eine hatte ihren Ehemann mit Arsen vergiftet, der anderen warf man Beihilfe zum Totschlag vor. Das Urteil, vier Jahre Gefängnis für die Mörderin, eineinhalb Jahre für die Helferin, löste in der öffentlichkeit größte Empörung aus, weil – so ein Gutachter – "seine Milde in der Kriminalgeschichte einzig" dastehe. Als ungewöhnlich fortschrittlichen Richterspruch kommentierte es ein anderer, der den spektakulären Prozeß verfolgt hatte und seine Beobachtungen mit eigenen Recherchen in einer Tatsachenerzählung zusammenfaßte: Alfred Döblin, Nervenarzt und Dichter zugleich, der in keinem Werk seine beiden Professionen so sehr verschmolz wie in diesem. In einer prägnanten poetischen Sprache skizziert er die Geschichte einer jungen, lebenslustigen Friseuse, die von der Provinz in die Metropole verschlagen wird. Er schildert die Hölle einer kurzen Ehe, in der Schimpf und Schläge die Frau malträtieren: Er erzählt ihre Flucht in die Zärtlichkeit einer Nachbarin: ein eindringliches Stenogramm der Gefühle – Haß gegen den Mann, Liebe zu der Freundin –, die sich wechselseitig bis zur Katastrophe steigern. Obwohl er auch die (Gefängnis-)Träume der Angeklagten und die Einflüsse ihres Milieus, "die Symbiose mit den Wohnungen, Häusern, Straßen, Plätzen", in seine Analyse mit einbezieht, resümiert Alfred Döblin im Epilog: "Von der Seelenmasse und ihren Ballungen wissen wir, nichts." 1924 veröffentlicht, weist die kleine Studie voraus auf den fünf Jahre später erscheinenden Roman "Berlin Alexanderplatz". Daß Döblin lebenslang auf dieses (erfolgreichste) Buch reduziert wurde, ist die große Ungerechtigkeit, die ihm bis zwanzig Jahre nach seinem Tod widerfuhr. Daß sich das in jüngster Zeit ändert, dafür liefern Taschenbuchausgaben Indizien: Nach "November 1918" (bei dtv) liegt nun "Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord" vor – erstmals seit fünfzig. Jahren, (rororo 4285, Rowohlt Taschenbuchverlag, Reinbek, 1978; 91 S., 3,80 DM.) Wolf gang Nagel

"Sprache–Technik–Kybernetik", von Herbert E. Bruderer. "Aufsätze zur Sprachwissenschaft, maschinellen Sprachverarbeitung, künstlichen Intelligenz und Computerkunst" verspricht der Mitarbeiter am Institut für linguistische Datenverarbeitung (Münsingen/Bern). Der Band präsentiert sich als Materialsammlung zu Themen der letzten Jahre: stockende Rechtschreibreform, kybernetisches Grundwissen, Übersetzungsprobleme und der Computereinsatz im geisteswissenschaftlichen Bereich. Ein umfangreicher Fragenkatalog, der jedoch vom Autor oft zu knapp und teils unkritisch beantwortet wird. Da tröstet den Leser selbst die im Anhang abgedruckte Computer-Lyrik wenig, wo es heißt: "Kein Kuß ist still ..." (Verlag Linguistik, Münsingen/Bern 1978; 187 S., 40,– DM.) Werner Hornung

*

"Vom Umgang mit Wörtern", von E. A. Rauter. "Das Bewußtsein eines Menschen, der nicht die übliche Bildungsbehandlung durchgemacht hat, hat etwas von einem Wilden. Der Wilde hat Abstand von der Gesellschaft, in der er als Wilder gilt ..." Der Autor hat, schon 1971, rückblickedn seinen im doppelten Sinne "ausgefallenen" Sozialisationsprozeß ("Waisenhaus, Erziehungsheim, Tramp") genau reflektiert. "Wie eine Meinung in einem Kopf entsteht – Über das Herstellen von Untertanen" hieß sein Buch. Er ist ehrlich geblieben; also hat er es schwer, auch in seiner Wahlheimat, bei der gealterten Neuen Linken. Mit ihren Pressepraktiken geht er jetzt ins Gericht. "Vom Umgang mit Wörtern" verstehen nach Rauter linke Blätter (er knöpft sich das DKP-Blatt "Unsere Zeit" [UZ], die "Deutsche Volkszeitung", den "Berliner EXTRA-dienst", aber auch die "Frankfurter Rundschau" vor) herzlich wenig. Statt den Leser bei der Stange zu halten – wie "Bild", "Welt" oder auch der "Spiegel", das nach Meinung des Autors mit dem traditionellen Raffinement der "bürgerlichen Presse" tun –, verscherzt die von Rauter analysierte Rote Rotation ihre spezifische Aufgabe, "unsere Kenntnisse vom Lauf der Welt über das Maß bürgerlicher Zeitungen hinaus zu mehren". Die einmalige Chance der konzernunabhängigen linken Presse wäre, ihre Leser knapp, klar und wahr zu informieren: "Bemühung um besseren Stil ist Bemühung um demokratischere Verhältnisse." Was aber schwappt dem Leser statt dessen aus kommunistischen Kolumnen entgegen? "Übertreibungen, Superlative, Bildersalat und Verschwommenheit." – Diese kritische Presse-Revue enthält heftige Herausforderungen nach allen Seiten. Einerseits: "In der Linken wird zuviel gelogen." Andererseits: "Die bürgerlichen Redakteure bekämpfen nach außen hin und offiziell die sozialistische Bewegung, aber sie bekämpfen sie wie eine Hoffnung." (Weismann Verlag, München, 1978; 91 S., 8,80 DM.) Hanns-Hermann Kersten