Von Barbara v. Jhering

Vor vier Jahren lehrte sie englische Literatur in Harvard, vor zwei Jahren schrieb sie über Außenpolitik in Time Magazine, seit vier Wochen, ist sie Chefin der Sportredaktion bei der New York Times.

Seitdem ist ihr die Weltpresse auf den Fersen. Zirka hundertfünfzig Interviews hat Le Anne Schreiber in eigener Sache schon gegeben, und allmählich ist sie es leid. "Man sollte meinen, die Tage des ‚Erste-Frau-Phänomens‘ seien vorüber", sagt sie achselzuckend zwischen kleinen Schlucken aus einem 25-Cent-Pappbecher voll Automatenkaffee. Eher klein, mit fast hüftlangem glatten Haar sitzt sie mir in einem schwarzen Hosenanzug gegenüber. Sie lacht selten und denkt schnell. Trotz ihrer Interview-Routine wirken die Antworten nicht vorfabriziert.

Es ist zehn Uhr morgens. Die Sportredaktion ist noch verlassen. Die Telephone in den sternförmig arrangierten, durch halbhohe Sichtblenden voneinander getrennten Schreibboxen haben ihr schrilles Konzert noch nicht begonnen. In einer Ecke des Großraums reißt ein Volontär Telexfahnen auseinander.

"Durch die enorme Publizität geht diesem Fall jede Individualität verloren, sie wird zur Moralität", kommentiert Le Anne Schreiber. Noch muß eine Ernennung wie diese anschaulich gemacht und begründet werden. Noch ist es nicht selbstverständlich, daß die größte Zeitung des Landes ihrer Sportredaktion eine Frau vorstellt. Schon gar nicht in Anbetracht der prominenten Rolle, die der Zuschauersport in den USA spielt. In New York allein gibt es neun professionelle Teams, die Fanleserschaft ist entsprechend groß. Lange Zeit waren die beiden anderen Tageszeitungen – die Daily News und die New York Post der Times in der Sportberichterstattung um einige Nasenlängen voraus. Bis dann die "old lady" des Zeitungsgewerbes vor einem Jahr beschloß, verlorenes Terrain aufzuholen. Der Spezialteil "Sports Monday" bringt weit mehr als die aufgelisteten Spielergebnisse vom Wochenende. Insgesamt stellt das Intellektuellenblatt jetzt ein Drittel zusätzlichen Platz für die Berichterstattung über Sportliches zur Verfügung.

In den Kommentaren zu Le Anne Schreibers Ernennung hielten sich Ablehnung und Applaus die Waage. Ein Berufskollege argumentierte machiavellistisch, die Times habe ein Scheitern des Experiments eingeplant, um zu zeigen, daß Frauen für einen solchen Posten nicht geeignet seien. "Bei einem Ressort mit fast 60 Redakteuren und einem Budget von zwei Millionen Dollar hätte das etwas Selbstzerstörerisches", bemerkt die Betroffene dazu.

Ihren Kolleginnen in der Redaktion schien eine andere Erklärung weitaus plausibler: Gerade haben sie in einem großangelegten Diskriminierungsverfahren gegen die Times einen Vergleich erzielt, der von umfangreichen finanziellen Zuwendungen bis zur gezielten, nach Quoten geregelten Einstellung von Frauen reicht. Ms. Schreibers Ernennung folgte vier Wochen später.