Von Gerhard Seehase

Als er gefragt wird ("Wie heißen Sie?"), zuckt die Frau neben ihm zusammen. "Er kann nicht Deutsch", sagt sie und drückt ihrem Mann die Hand. Er buchstabiert sorgfältig, wie auf Kommando, indem er gleichzeitig mit dem Zeigefinger, der rechten Hand seinen Namen in die Luft schreibt. "Kommen aus Ungarn", sagt die Frau, ohne die andere Hand ihres Mannes loszulassen, "sind Deutsche; aber er gar kein Deutsch." Sie nickt ihm zu, und er lächelt zurück. Ohne zu verstehen.

Was er von Beruf sei, wird sie gefragt. "Mechaniker", sagt die Frau. Und sie selbst? "Ich bin Arbeitsfrau", sagt sie, und es klingt ganz hart, wie sie es ausspricht. "Ich habe zwei Jahre Deutsch in der Schule vor dem Krieg gehabt", sagt sie, "lesen ein bißchen, schreiben nicht."

Man bedeutet dem Ehepaar aus Ungarn, daß es von nun an getrennt im Deutschunterricht weiterkommen müsse, weil die Sprachkenntnisse zu unterschiedlich seien. Sie läßt seine Hand los, und er zuckt dabei ein bißchen zusammen.

Seit ungefähr zwei Jahren veranstaltet die Volkshochschule Schorndorf Sprachkurse für deutsche Umsiedler aus dem Osten. Sie kommen aus der UdSSR, aus Polen, Rumänien, Ungarn und der ČSSR. Sie haben wenig Gepäck und große Hoffnungen; aber sie machen sich nicht die Illusion, daß ihnen in der neuen "alten Heimat" die gebratenen Tauben in den Mund fliegen. Sie wollen lernen, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden, und sie wissen, daß zunächst einmal die Sprachbarrieren überwunden werden müssen. "Ich hab’ gehört", erzählt eine Umsiedlerin aus Oberschlesien, die im Schorndorfer Supermarkt Schwierigkeiten beim Geldzählen hatte, "wie hinter mir einer sagte: Mach schneller, Polack!"

Leiterin der Deutschkurse für Umsiedler ist Gabriele von Radecki, die als Deutsch-Baltin aus Riga das "rrrrr" genauso attraktiv zu. rollen versteht wie der größte Teil ihrer Schüler. Sie hat bemerkenswerten Erfolg. Am 16. Februar 1977 begann sie hier in Schorndorf, einer kleinen Stadt, dreißig Kilometer von Stuttgart entfernt, mit zwei Klassen, in denen jeweils etwa fünfzehn Teilnehmer es mit der deutschen Grammatik zu tun bekamen. Heute "regiert" die weißhaarige Dame über ein lernwilliges Auditorium, das in zehn Klassen, vom Anfänger- bis zum fortgeschrittenen Bürokursus, Deutschunterricht wie Sauerstoff inhaliert.

"Wie heißen Sie?" fragt Gabriele von Radecki einen der Neuankömmlinge. "Masson", sagt er, und er muß seinen Namen buchstabieren. Er ist Bergmann, 34 Jahre alt, kommt aus Oberschlesien und spricht, nach seinen eigenen Worten, "ganz gut Deutsch".