Von Josef Joffe

Auch Jimmy Carter ist ratlos. "Ich weiß es nicht", sagte er resignierend zu den Reportern, die ihn nach den Überlebenschancen des Schah gefragt hatten, "Ich hoffe, daß er es schafft." Aber: "Das liegt in der Hand des iranischen Volkes."

Vor 25 Jahren lag das Schicksal des Schah noch in amerikanischen Händen. Damals, während des Mossadeq-Putsches von 1953, konnte der CIA Reza Pahlevi nach seiner überstürzten Abreise ins römische Exil wieder auf den Thron hieven; heute könnte er es nicht. Schlimmer noch: Bis zum Ausbruch der Massenaufstände im September dieses Jahres hatte der CIA keinen blassen Schimmer von den Verwerfungen, die das Beben ankündigten. Für sein Versagen mußte der größte Nachrichtendienst Amerikas jüngst einen offiziellen Rüffel des Präsidenten einstecken.

Doch nicht nur der CIA schlief. Im ganzen Westen konnte oder wollte kaum jemand das iranische Konfliktpotential zur Kenntnis nehmen. In seiner Gier nach Erdöl und nach neuen Exportmärkten, wo das Geld zur Bezahlung der gestiegenen Ölrechnungen verdient werden sollte, hat der Westen auf eine kurzsichtige, ja blinde Politik gesetzt. Ob Kernkraftwerke oder supermoderne F-14-Kampfflugzeuge – der Westen hat dem Schah jeden Wunsch erfüllt, um ihn bei Laune und im eigenen Lager zu halten. Niemand bedachte, daß ein stabiles Bündnis auf stärkeren Fundamenten ruhen muß als die eines Herrscherpalastes.

Was nützt ein "starker" Mann auf einem glitzernden Thron, wenn das Land im Chaos zu versinken droht? Was feit ihn gegen ein Chaos, das auf den Trümmern seines größenwahnsinnigen Modernisierungs- und Weltmachttraumes entstanden ist? Der Niawaran-Palast im Norden Teherans steht noch, umringt von Panzern und einer kaisertreuen Prätorianergarde. Doch am Montag versammelte sich ein millionenstarkes Demonstrantenheer im Zentrum der Stadt, das nur ein Ziel kannte: Weg mit dem Schah! Eine friedliche eindringliche Volksabstimmung.

Ein Plebiszit macht freilich noch keine Politik. Die Tragödie des Irans liegt darin, daß der Schah zwar nicht mehr regieren kann, zugleich aber ein rachsüchtiger Greis wie der Ayatollah Chomeiny zum Symbol und Drahtzieher der Verweigerung geworden ist, obwohl sich seine reaktionären Träume schwerlich mit denen der Volksmehrheit decken. Werden die Basaris, die heute aus Konkurrenzneid die Banken zertrümmern, morgen aufhören, Bares gegen Zinsen zu verleihen – nur weil der Koran die "Wucherei" als gottlos verdammt? Wollen die neu-islamischen Bilderstürmer wirklich auf das teuflische Kino verzichten, das die persischen Massen angelockt hat wie nirgendwo sonst? Und die Studenten, die vor Wochen die Kaiserstatue auf dem Campus stürzten – werden sie die Linientreue einer "Islamischen Universität" besser verkraften als die Lehrmeinungen des Regimes? Hier wuchert eine Irrationalität, die sich jeglicher Berechnung entzieht.

Gewiß, das Interesse des Westens liegt in der Stabilität des Landes und nicht im Überleben eines bestimmten Regimes. Die Loyalitätsbeteuerungen für den Schah haben ohnehin kaum gefruchtet; sie haben den Fremdenhaß der Massen eher noch weiter geschürt. Aber auf wen soll sich der Westen stützen? Die Aminis und Sanjabis sind fast genauso alt wie Chomeiny – national bürgerliche Fossilien aus den fünfziger Jahren, von denen niemand weiß, ob sie irgend jemand anders repräsentieren als sich selbst. Sie wissen, daß das aufgeputschte Volk ihnen die Gefolgschaft ebenso verweigern könnte wie das Militär, die letzte intakte Institution des Staates.