Von Heinz Josef Herbort

Sogar der Sport mußte warten. Ehe Helmut Bendt und Karl Senne im aktuellen Studio der Fußballnation etwas ansonsten so Unaufschiebbares wie zwölf Minuten langweiliger Winterkickerei und Rosi Mittermaier dem zu verlosenden Hengst "Ass 78" ein Stück Zucker zur Beruhigung servieren durften, mußte es dreiundzwanzig Uhr neun werden. Was darauf schließen läßt, daß das zuvor laufende 219-Minuten-Programm ein Ereignis zu sein hatte.

In der Tat: Was den Münchnern im Juli gerade recht war, als das Fernsehen die Premiere des "Lohengrin" direkt aus der Staatsoper übertrug, durfte den Wienern bei einer "Carmen"-Premiere nicht nur billig sein. Und so mochte denn die notorische Opernplaudertasche Marcel Prawy mit stolzem Beben in der Stimme vermelden, daß bei "unserer" "Carmen" der Dirigent aus Berlin, der Regisseur aus Florenz, die Carmen aus Leningrad (via Moskau und New York), die Micaela aus Schottland und der Escamillo aus Lemberg, der Don José allerdings aus Spanien kam. Unter den als Girlande Vorzeigbaren erwies sich nur der Kostümbildner Leo Bei als Österreicher; immerhin: er ist Vizedirektor des Burgtheaters und hat, was noch wichtiger ist, toskanische Ahnen.

Ursprünglich hatte es einmal eine ganz große Super-Show werden sollen. Noch die letzten Reklame-Verlautbarungen kündigten für die Pausen des über drei und eine halbe Stunde in Europa, sechs hingegen in Österreich dauernden Spektakels "Reportagen und Interviews" an, mit einem Blick in das aktuelle Sevilla und einer Studie über Zigaretten-Arbeiterinnen heute. Aber das hätte vermutlich einen zu starken Kontrapunkt bedeutet für die auf Hoftheater-Ansprüche umgemodelten Cinecittà-Illusionen, die Franco Zeffirelli in seiner "Carmen"-Inszenierung für notwendig hielt: eine Kneipe in den Farben eines Velazquez, in der auf Treppen und Tischen gesoffen und geknutscht wird, wie es selbst unter Zigeunern anno 1820 in Spanien nur schwer vorstellbar ist; eine Schmuggler-Schlucht, die eher an einen kahlen Strand zwischen starren Lava-Felsen erinnert, in der aber in Sekundenschnelle ein Lager aufgeschlagen und die Suppe gar ist; eine Arena-Fassade gegenüber der mittelalterlichen Stadtmauer, und dazwischen gewissermaßen toute Sevilla, davon fast ein Zehntel zu Pferde. Für den Beginn schließlich eine Art Bazar-Straße, von schattenspendenden Segeltuchbahnen überspannt, eine lange Flucht glatter graugelber Häuserwände mit kleinen Fensterlöchern. Nun weiß man ja, daß auch der Komponist der "Carmen" nie in Spanien war. Das könnte auch die Inszenatoren legitimieren, möglichst wenig identifizierbares Spanien auf die Bühne zu bringen. Noch nie jedenfalls sah ich ein so trostloses, weil farbarmes und blumenleeres Andalusien wie in diesem ersten Bild. Leo Bei, der Kostümmacher, muß das auch gespürt haben und entschloß sich zu kompensieren. Seine Senores und Señoras bieten alles an Folklorismen auf, was das einschlägige Lexikon nur hergibt.

In diesen Bildern nun Zeffirellis Theaterorgien. Und kein Zweifel: niemand baut Massenszenen so raffiniert und gekonnt wie er – vorn an der Rampe eine Leiber-Wand, dahinter die eingekeilten Protagonisten, die erst die Großaufnahme-Kamera zu entdecken vermag. Niemand sonst aber auch wird sich trauen, so viel Grotesk-Überflüssiges – einen Priester etwa, der vor der Stierkampf-Arena die Kerzenspenden vor den Altar der Muttergottes schleppt – oder Verhaltens-Klischees in die Szenen zu packen: Zigeuner klauen, also stiehlt auch Carmen, ihre Habanera trällernd, dem Leutnant die Uhr aus der Tasche, Schließlich: selten hat jemand so genial und virtuos Dramatik aus Details zu erzeugen vermocht – etwa in einer Bewegung Carmens, mit der sie dem José vor der Arena doch noch um den Hals zu fallen scheint, um sich dann auf die Stimmen aus dem Stadion hin mit einem Ruck endgültig abzuwenden. Große Darstellungskunst also direkt neben altmodischem Ausstattungs- und Chargentheater.

Das Eigentliche des Abends war nur zu hören: Weniger in der Titelpartie – Elena Obraztsowa fasziniert zwar durch ein unwahrscheinlich farbiges Tiefenregister, bringt außerordentlich ordinäre Vokale und eine strahlende Höhe zustande, aber die Seguedilla habe ich selten so schlecht intoniert gehört. Glanzvolles auch nicht vom ziemlich farblosen und indifferenten Escamillo Juri Mazurok. Sicher dagegen von Placido Domingo, der alles bringt zwischen Hingerissen-Sein und Nicht-mehr-weiter-Wissen, zwischen Blumenarien-Innigkeit und Schlußduett-Verzweiflung. Vor allem auch von der 24jährigen Isobel Buchanan als Micaela, die alle jungmädchenhafte Zartheit dieser Rolle in einer hinreißend schönen und ausgeglichenen Stimme äußert – vermutlich die Starbesetzung dieser Partie in den nächsten Jahren.

Und eben Carlos Kleiber. Schon um der kammermusikalisch auf eine angehörte Fülle von Nuancen gebrachten Einleitung zum 2. Akt oder der Klangbalance zwischen frechen Bläsereinwürfen und zärtlich-vorsichtigen Streicherlinien, zwischen fast neurotisch-hektischen Tempi und in beschaulich-introvertierte Melancholie zurückgenommenen Phasen willen möchte man diese Aufführung nicht mehr vergessen.