Von Dietrich Strothmann

Selbst Parteifreunde wie der weitsichtige Verteidigungsminister Ezer Weizman hatten Menachem Begin davon abgeraten, nach Oslo zur Verleihung des Friedensnobelpreises zu reisen – einmal, weil sich der ägyptische Staatschef Anwar el Sadat, der Kontrahent und Kompagnon, geweigert hatte, vor Unterzeichnung eines Friedensvertrages mit Israel sich auf diese Weise auszeichnen zu lassen, dann wegen des unsicheren Ausgangs der Vertragsverhandlungen selber, die zu einer ernsten Verstimmung zwischen Jerusalem und Washington geführt haben. Natürlich waren auch Begins parlamentarische Kritiker dagegen: Oppositionsführer Schimon Peres, gerade Von einem Besuch aus den Vereinigten Staaten zurückgekehrt, trumpfte auf, die "theatralische Seite dieser Reise wird in Amerika nicht gerade mit Wohlwollen betrachtet, und das ist noch beschönigend formuliert". Ein anderer Politiker traf den Nagel auf den Kopf: "Mit dem Friedensnobelpreis haben Begin und Sadat nur eine wunderschöne Wetterfahne bekommen für ein Haus, das noch gar nicht steht."

Cyrus Vance soll’s nun richten. In höchster Eile und mit größter Dringlichkeit schickte der um sein "Friedenswerk" zu weihnachtlicher Friedenszeit bangende Präsident Jimmy Carter den Außenminister auf die vierte Nahost-Tour in diesem Jahr. In hektischen, wohl auch haarspalterischen Detailberatungen – es geht nach wie vor um den in Camp David vereinbarten Unterzeichnungstermin vom 17. Dezember und um die Vertragskoppelung mit dem Autonomieplan für Westjordanien/Gaza – soll Vance, auf Kissingers Pendelspuren, zwischen Kairo und Jerusalem die letzte Feinarbeit erledigen.

Als schwante dem nach seinem Erfolg von Camp David eher leichtfertig-optimistischen Jimmy Carter nichts Gutes, war von ihm zuletzt nur noch Skeptisches, Mahnendes zu hören: Wofür seine Berater Monate benötigten, wozu er selber "Hunderte von Stunden" investierte, das machten die Kabinette der beiden Vertragspartner häufig zunichte; die "Mühe ist dann oft vergebens". Und als sich, nach zwei Wochen Zwangspause in den Verhandlungen, abzeichnete, daß der 17. Dezember sang- und klanglos verstreichen könnte, räumte der enttäuschte Carr ter ein, sein Unternehmen sei "schwierig und voller Hindernisse, mit vielen Sackgassen und Verzögerungen".

Dabei sind die Konflikte, die Ende November aufbrachen, künstlich. Nachdem der israelische Delegationsleiter im Washingtoner Blair House, Außenminister Mosche Dajan, auch die Widerspenstigen im Jerusalemer Kabinett zugunsten des Vertragsentwurfs gezähmt hatte, gab er bekannt: "Das Paket ist zu, verschlossen und versiegelt und wird von uns nicht mehr geöffnet." Das hieß: Über die beiden Streitfragen – "Koppelung" des Vertrages mit einer palästinensischen Autonomie in Westjordanien/Gaza und "Zeitplan" für Wahlen, Selbstverwaltung und Truppenreduzierung – sollte nicht mehr verhandelt werden.

Das wiederum brachte außer den Amerikanern die Ägypter in Harnisch. Wie zur Revanche bestand nun Sadat auf einer "Paketöffnung" und verlangte die Abänderung des Artikels 6 (Vorrang dieses Vertrages vor allen interarabischen Abmachungen), dem er grundsätzlich in Camp David zugestimmt hatte. Autonomie-Verknüpfung und Autonomie-Kalender sollen – wie es Vance vorschlägt und Begin im wesentlichen akzeptiert hat – in Briefen festgeschrieben werden; kontrovers ist lediglich, ob auch Termine, Rückzugslinien und Verwaltungsvollmachten notifziert werden müssen.

Hinter der israelischen Verweigerung, den Vertragstext noch einmal zur Disposition zu stellen, verbirgt sich vor allem die latente Angst, durch bittere Erfahrungen genährt, die Ägypter könnten immer neue Schlupflöcher aufspüren, um ihrer Verpflichtung, zum Frieden auszuweichen. Zum eingeborenen Mißtrauen gegen die Araber, die ja doch im Ernstfall keine Verträge halten, kommt nun noch das Mißbehagen über die zunehmende Abhängigkeit vom "einzigen, großen Verbündeten" und über die schmerzliche Einsicht, ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein.