Wer bei Puppenhäusern an Kinder, denkt, hat nur für die späten und zum profanen Gebrauch verkommenen Endprodukte einer Gattung von Schauobjekten recht, für die Spiel-Puppenhäuser, die vom 19. Jahrhundert an tatsächlich für kleine Mädchen und ihre Geschwister und Freundinnen im Auftrag von Eltern geschreinert und gesammelt wurden, die "sich nicht scheuten, zu verschiedenen alten Stücken weitere hinzuzukomponieren". Wer mit solcher Verachtung von dem spricht, was manchem gewesenen Kind der Inbegriff von Spielglück war, muß so gute Argumente besitzen wie Leonie v. Wilckens: "Das Puppenhaus" (Verlag Georg Callwey, München, 1978; 252 S., 98,– DM). Die ersten Puppenhäuser aus dem Barock, so beweist dieses detailfreudige Werk, wurden im 19. Jahrhundert zwar als Vorläufer unserer Puppenstuben verkannt, sind aber von Anfang an nicht als Spielzeug, sondern als Prunkstück gedacht gewesen, als Anschauungsmaterial, Kunstkammerstück, stolze Beweise der damals modernen Lebensart, des vielfältigen Reichtums der Häuser: Im Barock entstand unsere Art zu wohnen, zu servieren, zu essen und zu schlafen, wird alles formvollendet und zum erstenmal privat. Vorbei die Zeit der Säle. Man baut Stuben, Salons, Speisezimmer, Kabinette. Unzählige neue Möbel, Geschirre und Geräte kommen auf – unser Kram! – und wer das besitzt und die neue Fülle der Dinge genießt, will es sogar auch en miniature seinen Gästen und Untertanen zum Bestaunen, Beneiden und Beispiel vorführen, können. So betrachtet sind diese ersten Puppenhäuser der Fürsten und Patrizier, an denen freilich auch Töchter lernen sollten, was zu einem herrschaftlichen Hausstand gehört und wie man das herstellt und pflegt, kulturhistorische Fundgruben. Sie zeigen, was die Literatur und die darstellende Kunst der betreffenden Epochen nie so direkt und absichtsvoll festhielten: den Alltag des 16., 17. und 18. Jahrhunderts in großen Häusern, den internationalen Kunststil als erstes familiäres Design. Daß diese Puppenhäuser einst als feudales Sammelobjekt so begehrt und teuer waren wie heute, machen die fast 330 Fotos und der ergänzende Text verständlich. sy