Das Konzept von Keynes ist überholt

Von Karlheinz Kleps

Wenn ein alter Seefahrer erzählt, er sei einmal bei Kap Horn in einen schweren Sturm geraten, in dem es ihm schließlich nur noch dadurch gelungen sei, sein Schiff vor dem Untergang zu retten, daß er die Besatzung ausgleichend zu den Wellen der aufgewühlten See zwischen Backbord und Steuerbord hin- und herbeordert habe, dann wird das bei seinen heutigen Zuhörern – abgesehen natürlich von den Kindern – sehr wahrscheinlich einige Skepsis hervorrufen.

Einer wird vermutlich an die physischen Kräfte der Männer auf dem Schiff denken und fragen, wie lange denn der Sturm angedauert habe. Ein anderer, mehr technisch interessierter Typ wird sich nach der Länge und Höhe der Wellen sowie der Breite des Schiffes erkundigen und etwas genauer wissen wollen, wie es möglich war, die Besatzung immer im richtigen Augenblick auf die richtige Seite zu bringen. Ein Dritter wird möglicherweise höflich schweigen und sich denken, daß die soeben gehörte Geschichte nur ein Seemannsgarn aus der guten alten Zeit der chistlichen Seefahrt gewesen sein könne, denn er weiß ja: Moderne Schiffe durchkreuzen die Weltmeere schon längst auch bei rauher See relativ ruhig und ungefährdet mit ausgefahrenen Stabilisatoren.

Was solcherart im Bereich der Hochseeschifffahrt entweder als fragwürdig oder zumindest als bereits seit langem überholt betrachtet wird, gilt in der Wirtschaftspolitik der westlichen Industriestaaten noch immer als der letzte, wenngleich auch inzwischen leicht gequälte Schrei.

Nach wie vor ist die weitaus überwiegende Mehrzahl der Ökonomen in Theorie und Praxis davon überzeugt, auch das Schiff der Wirtschaft am besten nach dem Rezept unseres ergrauten Seefahrers durch die Wellenberge und -täler der konjunkturellen Entwicklung steuern zu können. Dabei kommt es, wie man glaubt, nur entscheidend darauf an, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage entsprechend zu beeinflussen, und zwar so, daß sie sich auf einem Vollbeschäftigungsniveau stets mit der wachsenden gesamtwirtschaftlichen Angebotskapazität im Einklang befindet.

Im Aufschwung sucht man sie demzufolge einzuschränken, sobald als unerträglich empfundene inflationäre Überhitzungserscheinungen und/oder schwerwiegende Zahlungsbilanzprobleme auftreten. Im Abschwung bemüht man sich hingegen, sie zu erhöhen, um die Entstehung unerwünschter Arbeitslosigkeit zu verhindern. Und weil Konjunkturschwankungen gleichwohl nicht aus der Welt zu schaffen sind, setzt sich das Wechselspiel des Bremsen? und Gasgebens, des "stop and go" mit jeder konjunkturellen Richtungsänderung fort.