Peter Stein inszeniert Botho Strauß’ "Groß und klein" an der Berliner Schaubühne

Von Reinhard Baumgart

Viermal angesetzt, dreimal verschoben hat diese Uraufführung des vierten Stücks von Botho Strauß am vergangenen Wochenende nun doch noch stattgefunden. Solchen Eigensinn, diese Arroganz: welches andere deutsche Theater als die Berliner Schaubühne dürfte, könnte sich die leisten? Der Olymp also, hat gekreißt und wahrhaftig keine graue Maus geboren. Aber zu einem Wunderwerk an Wucht, Einsicht, Genauigkeit wird man diesen Theaterabend schwerlich erklären können. Er hat Bühnenschwierigkeiten dieses "Groß und klein" offenbart, unvermeidliche und unnötige, von denen die lesende Phantasie noch wenig ahnte (der Stücktext liegt ja seit Sommer in Buchform vor).

Aber: ist es überhaupt ein Stück? Strauß, vorsichtig und genau wie immer, nennt sein Produkt "Szenen", und als deren Thema läßt sich nichts Bestimmteres fassen als diese Bundesrepublik im Zustand unserer siebziger Jahre. Ein Mosaik aus lauter Stichproben setzt sich zusammen, alle Steinchen auf ein grelles Grau eingefärbt. Die jäh auftauchenden, abtretenden Figuren sind Gegenwartssignale eher als Menschen, ein Tutti-Frutti an sozialpsychologischen Fällen: Türken, Zahnärzte, Fixer, mit Kindern geschlagene Mannequins, Büroneurotiker, Gitarrenromantiker und Jargonköpfe.

Lotte aus Remscheid-Lennep

Das alles würde ins Beliebige zerfallen, wäre da nicht eine durch alle zehn Szenen durchstreunende Figur: Lotte aus Remscheid-Lennep, von der wir lange nicht ahnen, ob sie unter allen vorgeführten Fällen nur der prominenteste sein soll, ob sie als Spiegel, der Zustände dient oder gar als eine Widerstandsfigur angeboten wird.

Wer ist diese Lotte? Im ersten Bild sitzt Edith Clever auf schmaler Vorbühne, eng ans Publikum herangerückt, und führt die Figur in einem durch Überlänge wie Spannweite riesigen Monolog vor. Lotte, Touristin in Marokko, eine Neckermann-Frau, versucht sich nach einem trostlosen Tag eine einsame Nacht im Alleingang zum bunten Abend zu machen. Was da aus ihr herausredet, reicht vom Tratsch bis zur biblischen Vision. Und in dieser Zerreißprobe soll die Hauptfigur der kommenden fast fünf Theaterstunden sich vorstellen.