Seit dem Frühjahr dieses Jahres ist der Zins für langfristiges Kapital um 1 bis 1,5 Prozent gestiegen. Die Renditen für Pfandbriefe mit zehnjähriger Laufzeit liegen bei etwa sieben Prozent. Wird die Zinsverteuerung im kommenden Jahr weitergehen? Die Rentenmarktexperten der großen Banken bestreiten das. Allenfalls – so sagen sie voraus – werden die Renditen um 0,5 Prozent schwanken.

Rentenmarktprognosen sind stets mit Vorsichtzu genießen, meine verehrten Leser,weil die Voraussagen meist mit Wunschdenken verknüpft sind. Die in den großen Emissionskonsortien – vertretenen Banken müssen sich mit der Objektivität zwangsläufig schwertun. Sie wollen die jeweils auf den Markt kommenden neuen Emissionen absetzen, was schlechthin unmöglich ist, wenn sie gleichzeitig verkünden würden, die nächste Anleihe kommt mit einer besserenZinsausstattung heraus. Große Plazierungsbanken, in der Regel selbst Besitzer von Milliarden-Rentenportefeuilles, sind praktisch zum Zinsoptimismus verpflichtet.Es stört sie auch nicht, Neuemissionen in der Kundschaft abzusetzen, aber gleichzeitig in Furcht vor sinkenden Rentenkursen den eigenen Bestand an festverzinslichen Papieren zu verringern.

Schon heute steht fest: Der Rentenmarkt steht im kommenden Jahr vor einer harten Belastungsprobe. Der Nettokreditbedarf der öffentlichen Hände wird 1979 bei etwa 60 Milliarden Mark liegen und wäre theoretisch auch dann finanzierbar, wenn die Kreditnachfrage der Wirtschaft im Zuge der sich belebenden Konjunktur weiter zunimmt. Aber rein rechnerisch stand auch in diesem Jahr jederzeit genug Kapital zur Verfügung. Dennoch ist es zu einem spürbaren Zinsanstieg gekommen, weil die Marktkräfte eben nicht ohne weiteres kalkulierbar sind. In Unsicherheitsphasen halten die Anleger ihrer Liquidität zurück.

Das wirkt sich deshalb so stark auf die Kurse aus, weil der Rentenmarkt mehr und mehr von "Profis" beherrscht wird. Der private Rentensparer, der – wie früher üblich seine Papiere bis zur Tilgung durchrechnet, spielt nur noch eine untergeordnete Rolle. Er ist entweder in die Rentenfonds geflüchtet oder zieht Anlageformen vor, bei denen es kein Kursrisiko gibt, also Sparbriefe, Bundesschatzbriefe und ähnliche Titel. Auch die erhöhte Kapitalbildung bei Versicherungen und betrieblichen Pensionsfonds weist auf eine nur noch indirekte Beteiligung der privaten Sparer am Rentenmarkt hin.

Die Anlagemanager der Versicherungen ziehen ebenfalls mehr und mehr Anlageformen vorbei denen das Risiko, Kursverluste offen ausweisen zu müssen, vermieden werden kann (Schuldscheindarlehen, Festgeldanlagen). Wegen der allgemeinen Zinsunsicherheit haben sich die Rentenmarktanlagen der Versicherungen in diesem Jahr bereits leicht zurückgebildet. Die Rentenfonds versuchen, das in den Beständen liegende Kursrisiko durch den Erwerb von Papieren mit kürzeren Laufzeiten zu minimieren. Ob sie im kommenden Jahr in der Lage sein werden, einen Finanzierungsbeitrag in ähnlicher Größenordnung wie bisher zu leisten, muß bezweifelt werden. Auch bei ihnen ist die Zeit hoher Wertsteigerungen vorbei – und sie hatten die Anlage in Rentenfonds erst schön gemacht.

Nun soll in Zukunft nicht nur die deutsche öffentliche Hand am deutschen Kapitalmarkt finanziert werden, sondern auch die Regierung in Washington, die mit dem Zeichnungsangebot für sogenannte "Carter-Notes" mit der Schuldenaufnahme in der Bundesrepublik in dieser Woche begonnen hat. Selbst wenn diese nur von Inländern zu zeichnenden Titel nicht in den Rentenmarktbereich hineinreichen, so lassen, sie sich als Marktfaktor nicht einfach ignorieren. Das gleiche gilt übrigens auch für die Finanzierung der Mineralölvorräte über zwei Bankenkonsortien. Offiziell werden hier zwar nur Kredite gewährt, aber ein, Teil der Banken läßt sie über ihre Hypothekeninstitute durch den Verkauf von Kommunalobligationen refinanzieren. So kommt eine zusätzliche Milliarde zur anderen.

Eine weitere Gefahr liegt in dem sich stabilisierenden Dollar und im hohen amerikanischen Kapitalmarktzins. Bisher hat der deutsche Kapitalmarkt von den Geldern solcher ausländischer Anleger profitiert, die ihre Mittel "währungsgesichert" anlegen wollten. Sie nahmen die vergleichsweise niedrigen Zinsen des deutschen Rentenmarktes in Kauf, waren dafür aber in einer Währung vertreten, die von Monat zu Monat wertvoller wurde. Sollte sich jetzt aber der Dollar stabilisieren, liegt kein Grund mehr vor, die bereits zweistelligen Zinsen in den USA auszuschlagen. Tatsächlich haben in den letzten Wochen Ausländer ihre deutschen Positionen aufgelöst und sind damit in die USA gezogen, oftmals begleitet von deutschen Anlegern, die ebenfalls von den hohen Zinsen in den USA profitieren wollen. Die grenzüberschreitenden Kapitalströme sind unberechenbar geworden.