Eine junge Frau in einem Abendkleid aus Seide beugt sich von der Bühne der Wuppertaler Oper hinunter ins Parkett. Sie bittet um zwei Zehnpfennigstücke. Die Münzen trägt sie zu einem elektrischen Schaukelpferd, das an der linken Bühnenseite steht. Sie wirft die Münzen ein und wartet auf eine Bewegung. Doch das Schaukelpferd bewegt sich nicht: ein Kabel ist nicht angeschlossen.

Noch einmal beugt sich also die junge Frau von der Bühne hinunter ins Parkett. Sie geht noch einmal den gleichen Weg, setzt sich auf das Pferd und wirft noch einmal Münzen ein. Jetzt, nach der Wiederholung der Szene, beginnt das Schaukelpferd zu schaukeln. Die Reiterin reitet auf der Stelle.

Unterdessen versammeln sich immer mehr junge Frauen in knallbunten Abendkleidern um den Pferdeautomaten. Sie sitzen auf und reiten los.

Die Szene auf dem automatischen Schaukelpferd, die sich ganz am Rand des neuen Theaterprojekts der Pina Bausch (Titel: "Kontakthof") ereignet, ist voll Fröhlichkeit und Zuversicht. Sie ist eine der wenigen Szenen dieses Projekts, die sich nicht wiederholt. Die einzige Szene, die die Illusion einer Bewegung weckt.

Sonst nämlich liegt der Zwang zur Wiederholung wie ein Fluch über dem "Kontakthof". Fast alle Szenen in diesem "Stück "von Pina Bausch" (das kurz vor der Premiere doch "Setz dich hin und lächle" hieß) finden nicht nur einmal statt, sondern gleich zweimal, dreimal, viermal. Und in fast alle Szenen dieses Stücks sind Defekte eingebaut. Der Schein von Ordnung, der über diesem Gleichlauf der Wiederholungen ruht, ist ständig in Gefahr, zu verlöschen. Die Ordnung ist kaum einen Schritt, kaum eine kurze Wiederholung vom Chaos entfernt.

Zwanzig Männer und Frauen sind von dieser Ordnung, diesem Chaos ständig bedroht. Sie treffen sich im großen, hohen, grauen Tanzsaal des Kontakthofs und sitzen an der hinteren Wand des sonst leeren Raums auf Stühlen nebeneinander aufgereiht. Sie erheben sich und schwanken in gleichem Schritt und Tritt wie halbgelähmt und ganz verzweifelt nach vorne zu den Zuschauern hin: ein Tanzensemble festlich gekleideter Desperados greift an. Doch diese Ballett-Truppe kommt nicht mehr weit: In einem Lachanfall bricht ihre Drohgebärde zusammen. Die Truppe macht kehrt und schwankt wieder zur hinteren Wand des Tanzsaals zurück. Dort sitzen die Männer und Frauen bald wieder nebeneinander aufgereiht, als ob nichts gewesen wäre. Bis sie wieder aufbrechen und, als wäre die Bühne eine Eisfläche, den Zuschauern entgegenrutschen. Dabei fällt plötzlich einer um, bleibt liegen und bringt auch diese Ballettordnung zum Zusammenbruch. Die Truppe kehrt zur hinteren Wand zurück und sitzt bald wieder auf den Stühlen nebeneinander aufgereiht, als wäre nichts gewesen,

Dabei ist nicht nur ein Ballett mißglückt, sondern ein Kontaktversuch. Die Tanzpaare wollten die große Distanz zwischen ihnen an der Rückwand des Saales und dem Publikum im Zuschauerraum überwinden. Schon am Beginn des Abends schritten sie mit starren Gesichtern den langen Weg zur Rampe, zeigten, sich von vorne und im Profil, streiften die Haare zurück, bleckten die Zähne, sagten "guten Abend" und: "Ich komme aus Paris" oder: "Ich komme aus Hamburg, bin verheiratet". Dann treten sie ab und entfernen sich wieder. Der Weg schien umsonst.