Von Marion Gräfin Dönhoff

Nun sind also die Wahlen in Namibia, dem alten Deutsch-Südwest-Afrika, abgeschlossen. Sie waren nicht nur heftig umstritten, sondern es waren wohl auch die seltsamsten Wahlen, die je stattgefunden haben. Seltsam, weil es erstens denjenigen, die gegen den erklärten Widerstand der UN und des Westens darauf bestanden haben, sie abzuhalten, gar nicht um das Wahlergebnis ging, sondern allein darum, den Wahlvorgang als solchen ablaufen zu lassen; weil es zweitens den Südafrikanern ganz klar ist, daß diese Wahlen "null und nichtig" sind, da ja ihre Herrschaft über Namibia als illegal angesehen wird; und drittens, weil sie wissen, daß eben darum vor Ablauf eines Jahres die gleichen Leute noch einmal zur Wahl, und zwar zu der einzig entscheidenden Wahl gebeten werden müssen.

Was sind die Motive für dieses seltsame Verhalten? Es gibt nur einen Grund, auch wenn dieser nie genannt wird: Weil Wahlen nicht gleich Wahlen sind. Man muß einmal über die einsamen Straßen Namibias gefahren sein, durch die scheinbar endlose Steppe, wo man während vier und fünf Stunden nicht nur kein Auto, sondern auch keinen Menschen – weder einen weißen noch einen schwarzen – antrifft, um zu verstehen, daß dort Begriffe wie Gewaltenteilung oder Regierung und Opposition so fremd sind wie Atomenergie oder Mitbestimmung. Von alledem gibt es dort nur Regierung – und Regierung nur im Sinne von Herrschaft.

Es gibt den Häuptling des Stammes oder auch den Farmer. Natürlich üben beide auch bei der Wahl ihre Herrschaft aus und sagen den Leuten, wo sie ihr Kreuz machen sollen. Und wie man in allen Berichten der letzten Woche lesen konnte, haben diese es meist nicht einmal selbst gemacht; sondern den Wahlleiter gebeten, es für sie zu tun, denn die meisten von ihnen haben noch nie einen Stift in der Hand gehabt, und die Vorstellung, mit Papier und Tinte umgehen zu müssen, hat für sie etwas Beängstigendes.

Die Beschwörung von "freien Wahlen" wird unter solchen Umständen einfach zum Geschwätz. Alle Leute tun dennoch so, als hinge alles davon ab, daß in Namibia freie Wahlen abgehalten werden. Auch die fünf Außenminister des UN-Sicherheitsrates, unter ihnen Hans-Dietrich Genscher, die im Oktober nach Pretoria gereist waren, um eben dies sicherzustellen, und die damit nur dem südafrikanischen Regime Gelegenheit gaben, sein Prestige aufzuwerten, haben sich an diesem Ritual beteiligt. Die Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) sieht in der Wahl "nichts weiter als eine Farce". Und die New York Times schreibt ganz betrübt, diese ersten Wahlen, die Namibia erlebt, seien bestenfalls als eine nutzlose Veranstaltung zu bezeichnen.

Dies aber sind sie in den Augen der Veranstalter ganz und gar nicht. Deren Grund, die Wahlen abzuhalten, war folgender: Afrikaner haben ein sehr enges Verhältnis zur normativen Kraft des Faktischen; man anerkennt die Macht und ist geneigt, sich zu arrangieren. Darum ist die Frage, wem es gelingt, den Eindruck zu erwecken, er sei Herr der Situation, von entscheidender Bedeutung.

Seit Jahren wird die SWAPO von den Vereinten Nationen als "die einzig rechtmäßige Vertretung des namibischen Volkes" anerkannt. Darum ist die Identität von UN und SWAPO für die Bevölkerung so selbstverständlich geworden, daß die beiden Parteien, die Südafrika am nächsten stehen und die jetzt zur Wahl gingen – die Turnhalle und die AKTUR – fürchteten, das Erscheinen von 7000 Blauhelmen als Ersatz für die abziehenden südafrikanischen Truppen würde den Eindruck erwecken, nun sei die SWAPO der neue Herr. Deshalb haben diese beiden Parteien darauf bestanden, den soeben beendeten Wahlgang den endgültigen -Wahlen vorzuschalten. Sie wollten sich vor der Bevölkerung als Herr im Hause darstellen – und mit 80 Prozent Wahlbeteiligung ist ihnen dies ja wohl auch gelungen.