Sie wurde auch von denen, die ihr kritisch gegenüberstanden, meist nur beim Vornamen genannt – so, als verbürge er Qualität und Autorität genug: Golda Meïr, die große alte Dame Israels, die als Achtzigjährige an einer Blutkrankheit gestorben ist. Sie gehörte zusammen mit David Ben Gurion und Chaim Weizman zu jenen, die Israels Geschichte geschrieben haben – seit den Anfängen des jungen Staates. Sie war wohl noch mehr: ein Stück Israel selber.

Eine ungewöhnliche, auch einzigartige Frau: 40 Jahre lang hatte sie Politik gemacht – vor 1948, dem Gründungsjahr des Zufluchtstaates, in der "Jüdischen Agentur und in der Gewerkschaft, später als Botschafterin, dann als Leiterin des Arbeits- und Außenministeriums. Als "alte Dame", damals schon von ihrer Krankheit gezeichnet, übernahm sie 1969 die Bürde des Premierminister-Amtes, trug sie über schwere, schwierige Jahre, zerbrach seelisch an den Folgen ihrer Fehlentscheidung am Vorabend des Jom-Kippur-Krieges, als sie es versäumte, rechtzeitig die Armee zu mobilisieren. Mütter, deren Söhne am Suezkanal gefallen waren, klagten sie in zorniger Trauer an. Sie hat dies nicht verwinden können: "Niemals mehr werde ich jene sein, die ich einmal war", schrieb sie dazu später in ihren Erinnerungen. Auch dies war ein Zeugnis ihrer Ehrlichkeit und ihrer Tapferkeit.

Glück war Golda Meïr fremd, Zufriedenheit kannte sie kaum, Stolz zeigte sie nur, wenn er von ihr gefordert wurde. Mut aber gehörte zu ihrem Leben wie ein Markenzeichen: Die "eiserne Großmutter" war mehr als nur ein Spitzname. Zum jordanischen König Abdullah schlich sie als Araberin verkleidet in den Palast von Amman, um 1948 das Blutvergießen zu verhindern. In Moskaus überfüllter Synagoge hielt sie als Botschafterin eine leidenschaftliche Rede zur "Rückkehr nach Zion". Im Führungszirkel ihrer Partei sagte sie sich von ihrem politischen Ziehvater Ben Gurion los und betrieb dessen Sturz von den Höhen der Macht. Golda Meïr ging es nie um Personen oder um Prestige; es ging ihr allein um das Land. Da kannte sie kein Pardon, dafür war ihr kein Opfer zu gering.

So versäumte sie es auch, einer Politik für den Frieden die Bahn zu brechen. Unter ihrem strengen Regiment wurden, in den besetzten arabischen Gebieten Siedlungen angelegt, untersagte sie jüdischen Führern wie Nachum Goldmann, sich mit Nasser in Kairo zu treffen, bezeichnetesie das Schicksal der Palästinenser als UN-Problem.

Nicht zu ihr war dann Sadat gekommen, sondern zu ihrem politischen Widersacher Begin. Dabei hatte sie sich nichts sehnlicher gewünscht, als dies: eine Frau des Friedens zu sein. Nach den schmerzlichen Folgen des Kriegs vom Oktober 1973 hatte Golda Meïr noch gehofft: "In dem Augenblick, da Sadat den Tod eines einzigen ägyptischen Soldaten beklagt, macht er den ersten Schritt in Richtung Frieden." Vier Jahre später, als es dann so weit war und der Ägypter nach Jerusalem ging, war sie bereits in Pension. Und auch damals sprach sie von einer Hoffnung, die sich für sie nicht mehr erfüllen sollte: Der Weg müsse fortgesetzt werden, beschwor sie die Besucher aus Kairo, "damit eine alte Dame wie ich den Tag des Friedens noch erleben kann".

In seinem Beileidsschreiben an Ministerpräsident Begin und ihre beiden Kinder rühmte Anwar el Sadat die "große Führungspersönlichkeit" und "ehrenwerte Widersacherin" Golda Meïr. In ihrem Testament verbat sie sich alle Ansprachen und jede äußerliche Ehrung. Sie will kein Denkmal haben, lautete ihr letzter Wille. Sie ist selber eins. D. St.