Von Diether Reimer

Der Massenselbstmord im Urwald von Guayana schien im 20. Jahrhundert eigentlich unmöglich: trostlose Endstation eines pseudoreligiösen Führers und seiner Gefolgschaft. Unser Entsetzen über das grauenvolle Geschehen ist zwar eine erste natürliche Reaktion – doch kann sie nicht die einzige bleiben. Und die zweite Reaktion – nur rasches Vergessen im vorweihnachtlichen Trubel, ein bereitwilliges Verdrängen? Das bald verbreitete Argument, solche Katastrophen seien "lediglich im südamerikanischen Urwald möglich", in Gegenden also, die weit hinter unserem Horizont liegen, ist eine Selbsttäuschung. Das Zeichenhafte des Vorgangs ist in Wirklichkeit unübersehbar. Solche Zeichen verlangen danach, gedeutet zu werden.

"Sektenwahn" lautete das erste Schlagwort, das im Zusammenhang mit Jim Jones’ "People’s Temple" immer wieder fiel. Es kam keineswegs überraschend zur Sprache, denn das Thema hatte sich auch in unserem Land schon gestellt: Religiöse Gefolgschaften, die eine weitgehende Abhängigkeit, Fanatisierung und "Utopisierung" ihrer Mitglieder bewirken, tauchten seit Jahren schon auf und geben bei uns – wie in den Vereinigten Staaten – die dunkle Folie für dieses jüngste und schaurigste Drama der Sektengeschichte ab. Darum lohnt es, dem Phänomen "Sekte" nachzugehen und die Verhältnisse in Deutschland näher ins Auge zu fassen.

Das Wort "Sekte" kommt von dem lateinischen "sequi", das heißt folgen, nachfolgen. Sektierer folgen einem Lehrer oder Meister oder einer bestimmten Richtung, die – so die Bedeutungsnuance, seit uns das Wort bekannt ist, – von den herrschenden Meistern und von allgemein anerkannten Richtungen abweichen. "Sekte" meint also Sonderlehre, Sondergefolgschaft oder -gemeinschaft.

Es scheint, als sei das eine brauchbare und auch wertneutrale Definition. Aber der Schein trügt. Denn in geschichtlicher Sicht wurde dieser Begriff mit dem ihn heute noch charakterisierenden Inhalt gefüllt von einem Staatskirchentum – und in seinem Gefolge: Volkskirchentum –, das alle abweichenden Richtungen und Glaubensgemeinschaften mit diesem Wort belegte und sie damit entweder als widerrechtlich oder aber als fremdartig und deshalb als "bedrohlich" abstempelte.

Disqualifizierte Minderheiten

Es gibt in Deutschland kein Staatskirchentum mehr. Unser Grundgesetz verwirft es ausdrücklich und garantiert die Glaubens- und Religionsfreiheit. Und doch sind wir – die Kirchen und die Gesellschaft insgesamt – mit dieser neuen Rechtslage, in der sich ein Grundverständnis unseres staatlichen Lebens ausdrückt, noch keineswegs wirklich zurechtgekommen. Jedenfalls werden bei uns religiöse Minderheiten, die sich von den Traditionskirchen oder von den in unserer Gesellschaft vorherrschenden, religiös-weltanschaulichen Vorstellungen unterscheiden, allesamt und sehr bedenkenlos mit dem alten Begriff "Sekte" bedacht und damit disqualifiziert. Darunter fallen dann auch so beachtliche Glaubensgruppen wie etwa die "Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten" oder die "Christengemeinschaft".