ZDF, Sonntag, 10. Dezember: "Sie gaben nicht auf", Überlebensversuche im KZ, Bericht von Hanns Weber

Ein Film vom Range der schwedischen Dokumentation über die vollzogene Vereinigung zweier scheinbar unvereinbarer Begriffe, Kunst und Konzentrationslager, bedürfte einer längeren Einführung vor Sendungsbeginn: Da muß dem Zuschauer mitgeteilt werden, was ihn erwartet – auf der einen Seite Bekanntes, das mit Hilfe gängigen Bildmaterials kurz abgehakt wird (Hitlers Verbeugung vor Hindenburg, Reichstagsbrand, Olympiade, die Baracken der Lager und der Kinder tätschelnde Führer), auf der anderen Seite das ganz und gar Unbekannte (Kinderzeichnungen, Lieder und Häftlingsstenogramme aus Theresienstadt), das sich in fremder Weise präsentiert.

Statt der Musikuntermalung: Die Musik als Zitat. Statt der Blitzinterviews: die ruhige Darlegung der Betroffenen. Statt optischer Mätzchen: das gelassene Sich-Entfalten eines Gesichts. Statt der Synchronisation: der Originalton, tschechische, schwedische, polnische Sätze, darunter die Schrifttafeln. Und schließlich: Endlich einmal Bürger aus der DDR, die nicht zum Hier und Heute sprachen, sondern, distanziert und beteiligt zugleich, Zeugnis von einem Deutschland ablegten, das aufgehört hatte, als Kulturnation zu existieren.

In welchem Ausmaß es aufgehört hatte, das verdeutlichen die Anklagen, die in diesem sehr schlichten, sehr leisen und unwiderlegbaren Film ins Bild gesetzt wurden: Zeichnungen, in denen Strichmännchen sich in Henker verwandelten; Bilder, auf denen Drachen für den Tod und Ringelreihen tanzende Kinder für den Traum von Freiheit standen; eine Plastik, die, aus dem Holz der Buchenwald-Eiche geschnitzt, für die Gefangenen den Charakter einer Kollektiv-Totenmaske hatte; ein Lied, das in Theresienstadt komponiert wurde, ein Wiegenlied für die Kinder auf dem Weg in die Verbrennungsöfen.

Ankläger waren: Stoffpuppen, Notizblätter, Tuschfarben. Das Schrillste – widerlegt durch das Zarteste. Gewalt – denunziert mit Hilfe von Bleistiftstummeln, Arztgerät (zum Schnitzen tauglich) und geschmuggeltem Notenpapier. Dies alles ergänzt durch Dokumentationen aus der Sichtweise der Sieger, die zur Selbstbezichtigung wurden: Kinder im Warschauer Getto erschienen – durch ein Musikzitat in ihrer historischen Rolle fixiert – als die unschuldigeren Nachkommen des schuldlosen Jesus.

Eliminiert man die Hitler-Passagen (sie tragen zur Sache nichts bei, zerstören die Einheit der Perspektive) und verdeutlicht dafür die Linie, die von den Moorlagern bis Auschwitz führt (da ging im Film zu Beginn manches wirr durcheinander), dann liegt ein Film vor, der in jeder Schule gezeigt werden müßte: damit die Fratze sichtbar bleibt, die im Gefolge zeitgenössischer Verharmlosungen des Nationalsozialismus mehr und mehr wegeskamotiert wird: zu Unrecht, wie die Kinderzeichnungen und das Wiegenlied, das die Transporte begleitet hat, beweisen. Die Kunst hält, wie so oft, auch in diesem Fall die Wahrheit fest. Momos