Von Raimund Hoghe

Ein unscheinbarer Kasten am Eingang der Düsseldorfer Kunsthalle verspricht Informationen für Besucher. Drei DIN-A 4-Blätter sind kostenlos mitzunehmen. "Die Ausstellung über die seltsame Natur des Geldes in Kunst, Wissenschaft und Leben‘ will weder bloß die ästhetische Seite des Geldes noch den Geldwert von Kunstwerken zur Schau stellen", erfahre ich auf dem ersten Informationsblatt, "sondern im Verhältnis von Geld und Kunst Widersprüche unseres Lebens andeuten. In einem fiktiven Museum auf Zeit wird ein weit gefaßter Kunstbegriff auf die ‚Triebstruktur des Geldes‘ (Kurnitzky) bezogen."

Kunst und Kuriositäten, Geldspiele, Gelddosen, Toilettendeckel mit Geldmünzen und -scheinen, Arbeiten zum Thema Brautopfer, Patronengürtel mit aufgeblasenen Kondomen im musikberieselten ersten Ausstellungsraum, dessen zentrales Objekt eine mit Silberfolie verspiegelte "Konsumkathedrale" von Wolfgang und Ilona Weber ist. Der Einstieg in ihr Environment "Der wilde Luxus" sei "die ausgetauschte Wirklichkeit des Bruttosozialprodukts unserer Gesellschaft und der Definition von Lebensqualität durch seine Bürger", erklären die beiden Düsseldorfer Künstler dem Betrachter, der unschlüssig vor der "reichhaltigen Skala assoziativer symbolhafter Beispiele von kultureller Macht und der Potenz des Geldes" steht. Das in buntem Partylicht leuchtende Environment zu betreten, fällt einigen schwer. "Sie dürfen da rein", ermuntert sie ein Museumswärter, "aber nur nichts anfassen." Wer da lieber gleich draußen bleibt, versäumt nicht viel. Die Einblicke und Erfahrungen, die in der mit Trivialerzeugnissen, Plastikobjekten fürs künstliche Leben ausgestatteten Konsumkathedrale vermittelt werden, sind auch in einem Kaufhaus und dort sehr viel realer und massiver möglich.

"Aus konservatorischen Gründen bitten wir unsere Besucher, den Raum hinter der Kauri-Schwingtür nur auf den aufliegenden Bohlen zu begehen", teilt "Die Direktion" am Eingang der mit Kies (= Geld) ausgelegten großen Ausstellungshalle im 1. Stock mit, und: "Bei starkem Besucherandrang haben unsere Wachleute den Auftrag, jeweils nur eine begrenzte Besucherzahl in den Raum zu lassen. Wir bitten Sie für diese Maßnahmen um Verständnis."

Ich zeige Verständnis und bewege mich vorschriftsmäßig auf den Laufstegen, die ein genaueres Ansehen der Bilder und Objekte (darunter Werke von Bacon, Dali, Giacometti, Max Ernst und Meret Oppenheim, antike Idole, Geräte, Opfergaben und Münzen) nicht selten verhindern.

Weiter zur nächsten Station. Die liegt eine Etage höher und ist labyrinthisch eng. Auf kleinstem Raum zu sehen: unter anderem Arbeiten von Marcel Broodthaers bis Adolf Wölfli, Kienholz, Warhol, Page, Fontana, Kosuth, Opalka, Raoul Hausmann, Yves Klein und Karl Valentin, der einen der originellsten Ausstellungsbeiträge liefert: "Deutsche Bank 1923", eine mit Inflationsgeld beklebte Sitzbank. Auch wenn einzelne Objekte überzeugen und die Ansammlung großer Namen beeindruckt: zu neuen Erkenntnissen kann man hier kaum kommen.

Daß das Museum des Geldes auch ein Ort sein könnte, der Anstöße gibt zu einer umfassenderen kritischen Auseinandersetzung mit der Beziehung zwischen Geld und Kunst, der ökonomischen Einschätzung von Kunst (und Menschen), ist in der Düsseldorfer ART:-Schau nur am Rand zu erfahren. So, wenn Hans Haacke am Beispiel von Manets "Spargel-Stilleben" die (Verkaufs-) Geschichte eines Kunstwerks dokumentiert. Bisher letzte Station des 1880 gemalten und für 800 Franc verkauften Bildes: der Erwerb durch das Wallraf-Richartz-Kuratorium und die Stadt Köln (1968). Preis: 1,36 Millionen Mark. In Beziehung dazu hätte zum Beispiel eine andere Wertfrage gesetzt werden können: "Was ist ein Mensch wert?" 408 000 DM lautet das fern von Haackes Arbeit zitierte Ergebnis einer unlängst angestellten Nutzen/Kostenuntersuchung des Verbands der Automobilindustrie. Über diesen Durchschnittswert liegen "voll beschäftige Männer allgemein" (mit 65? 199 DM doppelt so viel wert wie voll beschäftigte Frauen), während der Wert der "normalen Vollzeit-Hausfrau" nur mit 216 006 Mark angesetzt wird. Läßt man sich auf solche Wertschätzungen ein, ist am Ende auch zu solchen Resultaten zu kommen: etwa sieben Hausfrauenleben entsprechen dem Wert des "Spargel-Stillebens".