Fünf Jahre nach dem Ölpreisschock vom Oktober 1973 hat die Organisation Erdölexportierender Staaten (OPEC) die Welt vor Weihnachten wieder mit einem unerwartet hohen Preisaufschlag überrascht. Bis Oktober kommenden Jahres soll der Preis für Rohöl in vier Stufen um insgesamt 14,5 Prozent pro Barrel (159 Liter) erhöht werden. Proteste der Politiker aus Industrie- und Entwicklungsländern, fallende Börsenkurse und ein neuer Schwächeanfall des Dollar sowie ein Run auf Gold waren die unmittelbare Reaktion. Flugs wurden Rechnungen aufgemacht, wie die Preiserhöhung die Zahlungsbilanzen der betroffenen Länder und die Börse der Verbraucher belasten wird.

Wenn die erste Aufregung sich gelegt hat, wird man bald feststellen, daß es zwischen den beiden vorweihnachtlichen Preiserhöhungen von 1973 und 1978 kaum eine Parallele gibt.

Damals wurden die Ölverbraucher völlig unvorbereitet von einem Aufschlag um dreihundert Prozent überrascht; diesmal werden es im Jahresdurchschnitt 1979 zehn Prozent sein.

Damals machten Schreckensvisionen die Runde, wonach die Förderländer Hunderte von Milliarden Dollar als Devisenreserven anhäufen würden; heute wissen wir, daß das meiste Geld in Form von Aufträgen oder Kapitalanlagen in die Industrieländer zurückfließt.

Damals mußten Unternehmer und private Verbraucher mit einer schlagartigen Verteuerung aller Mineralölprodukte fertig werden; heute können sich zumindest die Deutschen und die Japaner damit trösten, daß sie dank der Aufwertung ihrer Währungen gegenüber dem Dollar die Tonne Rohöl auch nach dem Preisaufschlag noch billiger einkaufen können als Mitte 1976. Im übrigen haben die OPEC-Länder zwei Jahre lang den Ölpreis eingefroren, obwohl sie für das erlöste Geld infolge der Inflation in den Industrieländern immer weniger importieren konnten.

Daher haben auch die Vereinigten Staaten kaum Grund, sich zu beklagen. Zwar wird ihre Zahlungsbilanz nun noch tiefer ins Defizit rutschen, aber die Preiserhöhung der Ölländer gleicht den Kaufkraftverlust des Dollar nicht einmal aus. Im übrigen haben es die Amerikaner selbst in der Hand, ihre (Zurechnung zu reduzieren: indem sie ebenso wie die europäischen Industrieländer sparsamer mit der Energie umgehen. Statt dessen haben sie seit der Ölpreiskrise ihre Importe ständig erhöht und wollen auch 1979 zehn Prozent mehr Öl einführen als in diesem Jahr. Dies bedeutet für den Dollar und die Weltwirtschaft eine größere Gefahr als die Preisbeschlüsse der OPEC. mj