Eine alte Botschaft der Bibel: die armen Reichen

Von Dorothee Sölle

Materialistische Bibelinterpretation – dies ist ein programmatisches Schlagwort, das seit einiger Zeit durch die theologische Diskussion geistert. Gemeint ist der Versuch, in der Bibelauslegung konkret zu werden, die sinnlichen Erfahrungen und Kämpfe der Menschen in der Bibel ernstzunehmen.

Bürgerliche Theologie hat eine antimaterialistische Tendenz: Sie ist auf überzeitliche Wahrheiten aus und muß darum ihre eigene Tradition enthistorisieren. Die Botschaft gilt, so hörte man immer wieder, "dem" Menschen vor Gott; ob er in der Lage ist, sich Essen für den nächsten Tag zu kaufen oder nicht, das spielte keine Rolle; warum dieser idealistisch-abstrakt vorgestellte Mensch am Sabbat Ähren ausraufen mußte, darüber erfuhr man nichts. Rechts- und sozialgeschichtliche Fragestellungen spielen in solcher idealistischen Exegese nur eine unbedeutende Rolle.

Gewiß, man hat – den Widerspruch zwischen dem armen Mann aus Nazareth und dem, was daraus geworden ist, der kirchlichen Tradition, gesehen, aber auch er wurde zumeist idealistisch gedeutet, etwa als der Gegensatz von Geist und Institution, von dem Reich Gottes, das Jesus erwartet, und der Kirche, die dann kam. Aber ist es dieser Gegensatz, der das Verständnis Jesu so schwer macht?

Vergessene Worte

Eine der wichtigsten Neuerscheinungen dieses Herbstes zum Thema Jesus sieht die tiefste Schwierigkeit an einer anderen Stelle – in der Frage von Armut und Reichtum: