Jacques Chirac wird jetzt auch von den Gaullisten kritisiert

Von Klaus Peter Schmid Paris, im Dezember

Mit dieser Sprache hatte niemand gerechnet: Vokabeln, wie man sie allenfalls noch aus dem Munde einiger Eiferer zu hören bekommt, nationalistisch, aufpeitschend, melodramatisch bis zum Exzeß. Einem Charles de Gaulle hätte man solche Töne als Pathos angekreidet, doch angesichts seiner historischen Statur wohl nachgesehen. Aber einem Jacques Chirac, der sich selbst zur historischen Figur ernennt und flammende Reden an sein Volk hält? Kann man dessen Entgleisungen einfach mit einem nachsichtigen Kopfschütteln abtun?

Diesmal geht es nicht nur um Frankreich, sondern auch um Europa. Jacques Chirac, der Führer der Gaullistenbewegung, hat in einem leidenschaftlichen Appell an die Franzosen eine europäische Gefahr an die Wand gemalt. Der entscheidende Satz: "Alles spricht für meine Überzeugung, daß man hinter der Maske von Wörtern und hinter dem Jargon der Technokraten die Unterwerfung Frankreichs vorbereitet und sich auf die Idee seiner Erniedrigung geeinigt hat," Man, das ist Brüssel, das sind die Partner Frankreichs, aber das ist auch Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing. Gegen sie alle setzt Chirac ein "europäisches Europa, in dem Frankreich seine Zukunft als Großmacht. selbst bestimmt", nicht ein Frankreich, das "als Vasall in einem Imperium der Händler" abdankt. Er sagt all denen den Kampf an, die als "Partisanen des Verzichts" und als "Helfershelfer der Dekadenz" Frankreichs Ehre beschmutzen.

Ein Mann mit dem politischen Instinkt Chiracs weiß genau, warum er an zweifelhafte Instinkte bei seinen Landsleuten appelliert, warum er längst vergessen geglaubte Großmachtträume beschwört und den Nationalismus hochleben läßt. Es geht Chirac um seine eigene Zukunft. Der Brief an die Franzosen war von langer Hand vorbereitet, allerdings mit keiner Parteiinstanz abgesprochen. Noch auf dem gaullistischen Europa-Kongreß vor ein paar Wochen waren viel gedämpftere Worte im Schwange. Der im Alleingang verkündete Kreuzzug gegen Europa Vom Anfang dieses Monats läßt nur einen Schluß zu: Es muß schlimm um Chirac

Der 1976 zurückgetretene Premierminister Giscards lebt offensichtlich in der dauernden Furcht, es könnten ihm die Felle davonschwimmen. Er hat nie verwunden, daß die Öffentlichkeit den Wahlsieg dieses Frühjahrs nicht ihm, sondern Giscard zugeschrieben hat. Er sah stets mit Unmut, daß sich die gaullistischen Minister dem Staatspräsidenten solidarisch unterordnen. Er kann nicht verstehen, daß trotz hoher Inflation und wachsender Arbeitslosigkeit die vielbeschworenen sozialen Unruhen ausgeblieben sind. Das Land ist ruhig – und Chirac braucht Unruhe, um nicht aus dem Geschäft zu kommen. Er muß von sich reden machen, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Er muß sich mit Gewalt profilieren, um nicht das Gesicht zu verlieren. Die verbale Eskalation folgt zwangsäufig aus persönlichen Ambitionen.

Siegeschancen gleich Null