ARD, Montag, 25. Dezember, 19 Uhr 15: "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl", Fernsehspiel von Ilse Hof mann (Regie) und Nigel Kneale (Drehbuch)

Das erste Jahr in der Fremde: neue Orte, neue Freundschaften, eine neue Sprache. Aber nicht ein Abenteuer wird beschrieben, sondern eine Flucht: die Emigration der Familie des Berliner Theaterkritikers Alfred Kerr, gesehen mit den Augen der zehnjährigen Judith, die im Film Anna heißt. In ihrer bislang besten Arbeit interessiert sich die Regisseurin Ilse Hofmann ("Die Ilse ist weg", "Späte Liebe") weniger für die großen politischen Erschütterungen als für die Verstörungen eines Kindes, das einen entscheidenden Moment der deutschen Geschichte erlebt: verschlossen, verletzt, dann wieder neugierig und mutig. Ein behütetes, großbürgerliches Dasein gerät in Unordnung in diesem Katastrophenjahr 1933. Der berühmte Papa findet in der Schweiz, der ersten Station des Exils, keine Arbeit, die mondäne Mama muß kochen lernen, die Kinder begreifen allmählich, daß es keinen Weg zurück mehr gibt.

Die außergewöhnliche Qualität dieses Films nach dem gleichnamigen Jugendbuch von Judith Kerr besteht in der spröden, unsentimentalen Genauigkeit, mit der er Annas Geschichte als die einer intimen, privaten Krise ernstnimmt, sie nicht zu einem moralisierenden Drama aufplustert. Aber hier erlebt man, was die Vokabel Emigration konkret bedeutet: den Verlust eines rosa Spielzeug-Kaninchens wie den Verlust einer Sprache, die Garstigkeiten einer Concierge wie die Angst vor der Armut, die Angst auch, vor dem Terror immer weiter fliehen zu müssen. Im Zeichen der modischen Nazi-Nostalgie ist "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" ein eminent politischer Film. Dem WDR muß man gratulieren, daß er ihn zu diesem Termin aufs Programm gesetzt hat. Hans C. Blumenberg