Von Claus Voland

Kommunisten und Rechtskonservative treten an der Berliner Technischen Universität (TU) zusammen gegen einen Sozialdemokraten an, den Präsidenten der Hochschule, Rolf Berger. Mitglieder der „Notgemeinschaft für eine freie Universität“ (Nofu) und Anhänger der SEW, des Westberliner Ablegers der DDR-Staatspartei SED, sind sich einig, den TU-Präsidenten zu stürzen. Zur Anti-Berger-Fronde gehört außerdem die linke Reform-Fraktion, die vor eineinhalb Jahren entscheidend mithalf, den damaligen Ministerialdirigenten im Bonner Forschungsministerium zum Präsidenten zu wählen. Von den 146 Mitgliedern des Konzils der TU halten die Jungsozialisten, ein paar Sozialdemokraten, verschiedene Unabhängige und einige „Spontis“ zu ihm.

Die Mehrheit will Berger in die Wüste schicken. Ob diese Mehrheit zwei Drittel der Stimmen erreicht und damit den ungeliebten Präsidenten abwählen kann, entscheidet sich am Donnerstag dieser Woche. Für den Sturz brauchen die Berger-Gegner 98 Ja-Stimmen – so viel hatten sie bereits für ihren Abwahl-Antrag erhalten. Gelänge der Coup, würde zum erstenmal in Berlin ein Universitätspräsident abgewählt und – dies auch zum erstenmal – auf Betreiben einer Links-Rechts-Allianz. Bergers Gegner haben es eilig, denn ab 1. Januar 1979 gilt das neue Berliner Hochschulgesetz, nach dem die Abwahl eines Universitätspräsidenten nicht mehr möglich ist.

Die Kritik an Berger setzt sich aus politischen und inneruniversitären Gründen zusammen. Den Mitgliedern der Notgemeinschaft ist er zu engagiert sozial-liberal. Die DDR-freundliche „Aktionsgemeinschaft von Demokraten und Sozialisten“ (Adsen) ist wütend, weil er sich für die Freilassung des DDR-Kritikers Rudolf Bahro einsetzt und einen internationalen Bahro-Kongreß in der TU stattfinden ließ. Mit den politischen Argumenten wird freilich nur versteckt gefochten. Vielmehr hat sich die Anti-Berger-Front auf ein Sündenregister geeinigt, das vornehmlich Fehler des Präsidenten im Umgang mit Hochschullehrern und Studenten aufzählt. Sie kreiden ihm an: Autoritäre Entscheidungen, mangelnde Kommunikation und Zusammenarbeit mit den verschiedenen Selbstverwaltungsorganen, Eingriffe in die Rechte der Hochschullehrer (zum Beispiel bei Berufungen, Prüfungsordnungen und Studienreform) und verlängerter Arm des Wissenschaftssenators Peter Glotz zu sein. Das Schlagwort vom „Staatskommissar“ macht die Runde.

Der Angegriffene gibt zu, das Bedürfnis der Hochschullehrer nach ausführlichen Gesprächen nicht immer richtig eingeschätzt zu haben. Berger: „Ich habe wohl nicht genügend innere Kommunikation betrieben.“ Aber, setzt er sofort dazu: „Eine Universität muß auch effektiv arbeiten; es muß auch entschieden werden.“ Um Entscheidungen hat sich der zupackende Westfale nie gedrückt. Er legte in den eineinhalb Jahren seiner bisherigen Amtszeit ein Tempo vor, das manchen Hochschullehrer verschreckte. So wehren sie sich denn gegen einen, der nicht so spielt, wie sie es gewohnt sind, gegen einen, der nicht aus ihren Reihen kommt, der „offensichtlich die Universität nicht begreift“ – so Bergers möglicher Nachfolger, der Chemie-Professor Jürgen Starnick. Berger fehle es an Sensibilität im Umgang mit den Angehörigen der Universität.

So ganz daneben liegt der Vorwurf nicht. Seine ansonsten schnelle und wache politische Intelligenz hätte Berger sagen müssen, daß eine so komplizierte Institution wie eine Hochschule nicht im Geschwindschritt auf einen neuen Kurs zu bringen ist, daß er für seine hochschulpolitisch richtigen Ziele Verbündete braucht und um sie werben muß, und zwar auch in der Universität. Außerhalb hat er nämlich sehr geschickt Freunde und Unterstützung gewonnen und auch beachtliche Erfolge für die TU erzielt.

Er knüpfte Kontakte mit der Wirtschaft und den Gewerkschaften und holte sie in die Hochschulen; förderte den Technologie-Transfer und bot dabei mittelständischen Unternehmen technisch-wissenschaftliche Hilfe bei Produktionsproblemen an. So gelang es ihm, innerhalb nur eines halben Jahres fünfzehn Kooperationsverträge mit Betrieben abzuschließen. Er brachte Wissenschaftler und Gewerkschafter zusammen, damit sie gemeinsam nach Lösungen bei Problemen der Sicherheit am Arbeitsplatz und der Sicherheit der Arbeitsplätze in Zusammenhang mit der fortschreitenden Rationalisierung suchen. Denn für Berger ist die Hochschule auch „ein Dienstleistungsbetrieb für die Gesellschaft“. Und mit seinen Aktivitäten wollte er die TU aus „ihrer Isolierung, ihrem Getto-Dasein“ herausholen. Das ist ihm weitgehend gelungen. Auch seine Gegner räumen ein: „Er hat die TU nach außen gut dargestellt“ (Jürgen Starnick).