Wie immer merkt man es zuerst an den Parkplätzen. Für gewöhnlich kann einer von Glück reden, wenn er im Bonner Bundesviertel nach acht Uhr morgens noch eine Lücke für sein Gefährt findet. Besonders während der parlamentarischen Sitzungswochen, wenn auch ein vielköpfiger Troß anrollt, ist die Lage schier aussichtslos. Um so deutlicher der Kontrast, wenn der Bundestag, wie jetzt, in die Weihnachtsferien gegangen ist: Parkraum in Hülle und Fülle. Und wie die Straßen, so sind auch die Flure im Bundeshaus leer.

Von Jahr zu Jahr verstärkt sich der Eindruck, daß das politische Bonn sozusagen sich, selber fluchtartig den Rücken kehrt, wann immer es Feiertage und Ferienzeiten erlauben. Liegt das daran, daß die Politik immer weniger Lustgewinn verschafft?

Relativ zufrieden saß, bei ihrer Weihnachtsfeier, allein die sozialdemokratische Fraktion zusammen. Nicht nur ihr Kanzler steht in der Publikumsgunst auf einsamer Höhe, auch für die Koalition signalisieren die jüngsten Umfragen wieder einen Aufwärtstrend. Und besondere Probleme, Flügelkämpfe, persönlichen Hader gibt es derzeit nicht.

Auch die Freien Demokraten hätten, mit der hessischen und bayerischen Salbe auf ihren niedersächsischen und Hamburger Wahlwunden, alles in allem nicht unzufrieden sein können, wäre das Thema Kalkar nicht so kritisch geworden. Daß da, so ein Abgeordneter, die "ganz große Peitsche" geschwungen worden ist, um die Bruter-Resolution im Bundestag durchzubringen, bedrückt am Ende beide Seiten – die Peitschenschwinger und die sechs Aufmüpfigen, über die sie hinwegpfiff. Aber das liberale Unbehagen ist noch gelinde im Vergleich zu der Mißstimmung in der Unionsfraktion. Die jüngste Runde im Catch-as-catch-can zwischen den Schwesterparteien, zwischen Strauß und Kohl, um die künftige Kanzlerkandidatur geht nun schon in die zweite Woche. Und von der großen "Herbstoffensive", die der Oppositionsführer weiland ankündigte, hat niemand etwas gemerkt, Die ganze Fraktion wirkt so wie letzthin wieder ihr Vorsitzender: nervös, gereizt, verkniffen. Was Wunder, wenn sie sich besonders schnell verlief, gleich nachdem Parlamentspräsident Carstens am vergangenen Freitag den Mitgliedern des Hohen Hauses ein "gesegnetes Weihnachtsfest und ein glückliches neues Jahr" gewünscht hatte.

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Gute Vorsätze für das neue Jahr haben immerhin jene Abgeordneten gefaßt, die sich mit dem dornigen Problem der Wehrdienstverweigerung und des Zivildienstes mühen müssen; im Januar wollen sie es endlich interfraktionell anpacken,

Genauer: Die Koalitionsparlamentarier hoffen es wieder anpacken zu können, nachdem sich die Opposition endlich zu Sachgesprächen bereiterklärt hat. Seit das Verfassungsgericht im April der CDU/CSU-Klage gegen die Liberalisierung des Anerkennungsverfahrens für Wehrdienstverweigerer stattgegeben hatte, war man keinen Schritt vorangekommen. Zwar legten SPD und FDP schon im Juni neue Vorschläge vor, doch die Union schwieg bis zum November.