Lassen wir die Pagode im Dorf: Der Beschluß der Amerikaner und Chinesen, im nächsten Jahr Botschafter auszutauschen, steht nicht am Beginn einer ganz neuen weltgeschichtlichen Epoche. Die eigentliche historische Wende hat schon im Jahre 1971 stattgefunden, als Henry Kissinger zum erstenmal heimlich nach Peking flog; sie wurde im Jahr darauf von Richard Nixon bei seinem Besuch in der Volksrepublik China feierlich besiegelt. Jimmy Carter und Hua Kuo-feng haben bloß administrativ vervollständigt, was unter ihren Vorgängern angebahnt worden ist. Ein Coup ist dies nicht.

Auch die Probleme, die jetzt die Vollendung des amerikanisch-chinesischen Normalisierungsprozesses der Weltöffentlichkeit noch einmal ins Bewußtsein hebt, sind in Wahrheit alle nicht neu: die Preisgabe Taiwans; die Herausforderung an die Sowjetunion; die leise Beunruhigung unter den Freunden Amerikas, wie weit die westliche Supermacht ihr schnödes Kalkül wohl in anderen Fällen treiben mag. Werden die Nationalchinesen "verraten und verkauft"? Soll eine Achse Washington–Peking gegen Moskau geschmiedet werden? Steht Amerikas Bündnistreue nun überall in Zweifel – zum Beispiel in Berlin?

1. Taiwan wird in der Tat preisgegeben – nicht physisch freilich, sondern politisch. Das heißt: Amerika liefert nicht jene Inselrepublik ans Messer, der die Welt Hochachtung vor einem eindrucksvollen Aufbauwerk schuldet, dessen Erfolg, Stetigkeit und letztlich auch Menschenfreundlichkeit alles in den Schatten stellt, was die Festlandchinesen in fast dreißig Jahren kommunistischer Herrschaft vermocht haben. Abgeschrieben wird vielmehr die anachronistische Vorstellung, von Taiwan aus lasse sich den Kommunisten noch einmal das ganze China wieder entreißen. Die Fiktion Taiwan wird geopfert, nicht die Realität Taiwan.

Dagegen scheint auf den ersten Blick die Tatsache zu sprechen, daß das Weiße Haus den Chinesen in allen Punkten hat nachgeben müssen, um den Botschafteraustausch vereinbaren zu können. Die Vereinigten Staaten kündigen den Verteidigungspakt aus dem Jahre 1955; sie ziehen die letzten 2000 GI’s von der Insel zurück; sie brechen die diplomatischen Beziehungen ab. Ihre Hoffnung, den chinesischen Kommunisten wenigstens einen Gewaltverzicht gegenüber Taiwan abringen zu können, scheiterte an der Hartnäckigkeit der Pekinger Führung ("Wenn wir uns darauf einließen, dann würden die Behörden in Taiwan ihren Schwanz zehntausend Meter hoch recken", polterte Teng Hsiao-ping vor zwei Monaten im Gespräch mit westdeutschen Journalisten). Auch diplomatische Tricks lehnte Peking ab – einen amerikanischen Brief etwa, in dem Washington einseitig die Erwartung aussprechen wollte, China werde zur Befreiung Taiwans keine Gewalt anwenden, und gegen den China keinen Einspruch erheben sollte. Am Ende wurde Washington auf die "japanische Formel" reduziert: keinerlei amtliche oder halbamtliche Beziehungen, nur noch private wirtschaftliche und kulturelle Kontakte des – seltsame Formulierung – "Volkes der Vereinigten Staaten".

Dennoch ist Taiwan aus mehreren Gründen nicht verloren. Erstens: Seine Wirtschaftsbeziehungen mit den Vereinigten Staaten – Jahresvolumen acht Milliarden Dollar – bilden ein Unterpfand fortdauernden amerikanischen Interesses an der Insel. Zweitens: Washington behält sich vor, Taiwan auch nach 1980 Defensivwaffen zu liefern. Drittens: Die Volksrepublik China ist noch auf lange Zeit hinaus ein Papiertiger; für ein militärisches Befreiungsunternehmen fehlen vor allem eine Landungsflotte und verläßliche Luftüberlegenheit. Schließlich aber: Die Anwendung von Waffengewalt würde das friedliebende Image der Hua-Teng-Equipe zerstören, die zarten Fäden der Kooperation mit dem Westen zerreißen und das riesenhafte Unterfangen gefährden, China bis zum Ende des Jahrtausends zu modernisieren.

2. Eine antisowjetische Achse entsteht nicht allein dadurch, daß die Verbindungsbüros der Chinesen und der Amerikaner neue Türschilder erhalten. Gewiß, in der Verlautbarung über den Botschafteraustausch ist noch einmal die von Moskau übel vermerkte Hegemonie-Klausel aus dem Schanghaier Kommuniqué von 1972 aufgegriffen worden, wonach "keine der beiden Seiten eine Hegemonie im asiatisch-pazifischen Bereich anstreben sollte und daß jede von ihnen Bemühungen irgendeines Landes oder irgendeiner Gruppe von Ländern zur Errichtung einer solchen Hegemonie ablehnt". Aber Carter hat zugleich betont, es liege ihm fern, die neuen Beziehungen mit China zum Nachteil der Sowjetunion oder irgendeines anderen Staates einzusetzen.

Dahinter steckt die richtige Einsicht: Die chinesische Karte spielen nur die Chinesen selber, niemand sonst. Was sie in die Waagschalen der Weltpolitik legen können, das tun sie aus eigenem Antrieb; dazu bedürfen sie keiner Ermunterung. Wo sie aber Außenpolitik "bloß mit dem Mund" machen, um Tengs drastisches, aber treffendes Bild zu benutzen, da sind sie niemandem eine wirkliche Hilfe. Das letzte, was die Männer im Weißen Haus anstreben dürfen, ist ein Militärbündnis mit einem China, das als Weltmacht erst in der Phantasie der Völker – zumal des eigenen Volkes – besteht. Solch ein Bündnis brachte mehr Belastung als Entlastung, und es könnte im Kreml gänzlich irrationale Reaktionen auslösen.