Von Hans G. Blumenberg

Anhedonia" sollte ursprünglich Woody Allens vorletzter Film "Annie Hall" (Der Stadtneurotiker) heißen – ein Titel, gegen den sich der Verleih erfolgreich zur Wehr setzte. Anhedonia bezeichnet die Unfähigkeit, Glück zu empfinden, ein altes Leiden und ein bewährtes Thema des großstädtischen Neurotikers und Anti-Hedonisten Woody Allen, dessen Komik schon immer viel mit seinen Krankheiten zu tun hatte.

"Anhedonia" könnte auch Allens neuer Film "Interiors" heißen, jenes Werk, mit dem sich der melancholische Clown vom "Kindertisch" der Komödie ins Spital des seriösen Dramas begeben hat. Kein Lacher soll mehr ablenken von der Darstellung letzter Probleme. Lebenskrisen und Lebenslügen ereignen sich zuhauf, und der Regisseur hat es weise vorgezogen, sich nicht selber auf der Leinwand zu zeigen: Die vertraute Physiognomie des ewigen underdog könnte dem Zuschauer leicht den notwendigen Ernst austreiben. Schon der Vorspann signalisiert, daß es hier nichts zu lachen geben wird: betont schlichte weiße Titel auf schwarzem Untergrund, karg bis zur Koketterie. Danach Bilder sinnender Gestalten am Fenster, starre Einstellungen auf kahle Interieurs, eine Rückenansicht vor dem Wolkenkratzer-Panorama von Manhattan: "Und dann plötzlich, eines Tages, aus dem Nichts, öffnete sich ein riesiger Abgrund unter unseren Füßen. Und ich starrte in ein Gesicht, das ich nicht kannte."

"Interiors" handelt vom Zerfall einer großbürgerlichen Intellektuellen-Familie, beschreibt das beschädigte Innenleben von acht Figuren auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Weniger pauschal läßt sich das kaum formulieren, denn Woody Allen, einmal den Fesseln komödiantischer Disziplin entronnen, zeigt sich geneigt, selbst sein heimliches Idol Ingmar Bergman zu übertreffen, was die Anhäufung von Seelenqualen und Existenzproblemen angeht.

Der Vater verläßt unverhofft seine Familie, um endlich zu sich selber zu finden: ein linkshändiger Mann, der einen Weg aus der Versteinerung der Konventionen sucht und späte Liebe bei einer gutmütigen, etwas einfältigen und vulgären Witwe findet. Die Mutter, krank und kunstsinnig, geht in der Nacht nach der zweiten Heirat ihres Mannes ins Wasser. Renata, die älteste Tochter, eine erfolgreiche Poetin, die mit einem frustrierten, von Minderwertigkeitsgefühlen geplagten Kollegen verheiratet ist, leidet unter Todesängsten. Joey, die zweite Tochter, nervös, verbissen, der Mutter durch eine seltsame Haßliebe verbunden, weiß überhaupt nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Ihr Mann macht politische Filme und leidet unter seiner Frau. Flyn schließlich, die Jüngste, ist ein eitles, oberflächliches Geschöpf und betreibt eine bescheidene Karriere als Fernsehschauspielerin.

Zwischen diesen Figuren herrscht eisige Höflichkeit, gelegentlich von manisch-depressiven Ausbrüchen gestört. Versuche, aus der Isolation zu entkommen, enden in Peinlichkeiten, schließlich in Gewalt. Man lebt in einem "Eispalast", quält sich kultiviert in leeren Wohnungen, zelebriert wortreich und ausdrucksarm die Neurosen der jüdischen upper middle class, die sich zum Totentanz ins Landhaus auf Long Island zurückzieht.

Manche Sätze klingen so, als hätte Woody Allen sie vor zehn Jahren für eine seiner brillanten Satiren für den New Yorker geschrieben, als er etwa "die eschatologische Dialektik als Mittel gegen die Gürtelrose" untersuchte oder "die Kritik des Reinen Schreckens" entwarf. In "Interiors" sagt Renata: "Die Allgegenwart des Todes ist beunruhigend für mich." Und Joey meint tatsächlich: "Es ist mir ein echtes Anliegen, etwas auszudrücken." Doch hier sieht sich der Zuschauer genötigt, diesen prätentiösen Pseudo-Tiefsinn ernstzunehmen. Woody Allen geht es ein wenig wie dem späten Chaplin: Wenn sich der große Clown die Maske des Schmerzensmannes aufsetzt, wird es leicht banal und peinlich. Der absurde Witz in Filmen wie "Sleeper" und "Annie Hall" drückt die Ängste und Impotenzen des urbanen Dschungel-Bewohners genauer aus als die kunstgewerbliche Bedeutungswut des Bergman-Epigonen, der aus lauter präfabrizierten Kultur-Trümmern einen Film bastelt, den der deutsche Verleih auch unter dem Titel "Die linkshändige Herbstsonate" in die Kinos hätte bringen können.