Ist der Boulevard progressiv? Unter diesem Titel hat der Regisseur Peter Zadek in der vorletzten Nummer der ZEIT seine Londoner Theatererlebnisse beschrieben – und dabei grundsätzlich (und manchmal polemisch) über englisches Entertainment und bundesdeutsches Bürgertheater nachgedacht. Es antwortet einer der von Zadek persönlich Attackierten: Peter Iden, Theaterkritiker der "Frankfurter Rundschau" und Mitarbeiter der ZEIT.

Nicht alle Zuschauer der Hamburger Aufführung von Shakespeares "Wintermärchen" sind durch die Veranstaltung so beglückt worden wie damals der Kritiker dieser Zeitung. Darüber hat sich der Regisseur Peter Zadek ("Ist der Boulevard progressiv?", DIE ZEIT Nr. 50, vom 8. 12.) öffentlich geärgert. In seinem Ärger bringt er die, die ihm einmal nicht gefolgt sind, in Verbindung mit Apologeten der Nazi-Kunst. Das ist nun zwar mehr als die gewiß manchmal gebotene, auch notwendig harte Gegenwehr eines Künstlers, der sich mißverstanden glaubt – sondern ein Foul, mit dem Zadek sich zunächst selbst vom Feld schickt. Aber es muß ihm auch wieder nicht zu sehr angelastet werden: Denn politisch konnte Zadek noch nie argumentieren, an seiner Unzuständigkeit in dieser Hinsicht hat er selbst nie einen Zweifel gelassen.

Größeres Interesse kann Zadek für seine Forderung nach einem "neuen Volkstheater" erwarten, als dessen Autoren er "sowohl Shakespeare als auch Ibsen und Curt Goetz" sieht. Die Vorstellungen, die er in diesem Zusammenhang entwickelt, sind allerdings nicht neu: Als einen "Entertainer" bezeichnet er sich ja schon seit Jahren; und tatsächlich haben viele der Aufführungen Zadeks in Bremen, in Bochum, in Hamburg darüber belehrt, wie produktiv sein "unernster" Zugriff (vor allem auf die Stücke Shakespeares) sein kann. Das waren immer Unternehmungen, die ihre Zuschauer ganz und gar erfaßten, im Gedächtnis setzten sie sich fest auf lange Zeit, oft erschien alles in einem anderen Licht nach so einem Abend – ein Drama, die Menschen darin und ihre Verhältnisse, Schauspieler, die man gekannt hatte und kannte sie jetzt nicht mehr, verändert sogar die Welt draußen.

Solche Wirkung erreichte Zadek, weil er in seinen Inszenierungen, zum Glück für das deutsche Theater, natürlich viel radikaler gewesen ist als die etwas laschen Formulierungen seines "Manifests". Die Spannung seiner Arbeit, sagt er jetzt, liege für ihn darin, einen "Reinheitsfimmel", den er bei den Deutschen beobachtet, zu zerstören. Wäre es nur das gewesen – Zadek wäre bloß irgendein Regisseur. Er hat meistens doch viel größere Widerstände gesucht und erkannt, den Widerstand von Texten, falschen Ubereinkünften, sinnentleerten Traditionen. Aber der wird nun auch selber das Opfer jener Respektlosigkeit, die er immer gezeigt hat: Seine Arbeitsweise, seine "Zugriffe" haben inzwischen – und das spricht für Zadek – selber schon Tradition gebildet. Wo wären denn die Arbeitsergebnisse unserer wichtigeren Bühnen "aus gutem Gewissen" noch so "miefig und klotzig" wie Zadek meint? Daß allerdings auch den neueren "Traditionen" gelegentlich widersprochen werden muß, auch ihnen gegenüber bestimmte Kriterien geltend gemacht werden – das ärgert ihn nun. Er redet und definiert sich sein Spannungsfeld so, als sei er in den sechziger Jahren steckengeblieben. Es hat sich aber manches doch geändert. Und es sind jetzt vielleicht andere Herausforderungen nötig als "der Pups aus der Unterhose".

Wenn nun Theaterautoren, wie zum Beispiel Botho Strauß, diese anderen Herausforderungen annehmen, rät Zadek, man müsse so jemanden nur dazu aufrufen – dann werde der "sich bestimmt Mühe machen, für ein größeres Publikum verständlich zu sein". Welch’ eine lächerliche und liederliche Vorstellung von einem Dichter. – Auch sollte Zadek nicht schon wieder mit seinen hymnischen Belobigungen des Londoner Boulevards kommen. Dessen Wirklichkeit ist nämlich – von wenigen Ausnahmen, zur Zeit etwa Peter Halls Inszenierung von Harold Pinters "Betrayal", abgesehen, – eine zutiefst erbärmliche: Schlechte, gräßlich chargierende, outrierende Schauspieler, miserable Bühnenbilder, alberne Stücke, keine moralische Kraft. (Es ist sicher kein Zufall, daß Zadek zwar einen englischen Autor namens Ayckbourne schon seit Jahren, preist, aber.selber noch nie eines von dessen Stückchen inszenieren mochte. Natürlich weiß’ er, daß er mit Shakespeare ganz anders dasteht.) –

Ein Schlüsselwort von Zadeks Überlegungen zu einem Theater, das "die wimmelnden Massen beschreibt", übrigens eine reichlich zynische Formulierung, ist der Begriff der "Spiegelung". Um "heutig" zu sein, soll, die Bühne heutiges Gewimmel spiegeln. Wenn das in einem möglichst leichtsinnigen Mischmasch von Formen geschieht, heißt das Resultat bei Zadek "journalistisch". Das klingt ja ganz schnittig; doch was soll es bedeuten? Diese Art von "Kultur", die Zadek so begehrt, haben wir sie nicht längst, und ertrinken beinahe darin? In all den Kulissengeräuschen einer schon irrwitzigen Simultäneität von Informationen, Bildern, Reizen, in pausenlosem Jargon, Discjockey-Sätzen vom Morgen bis in die Nacht, Ratschlägen von allen Seiten, Gerüchten, Auskünften, Widerrufen, Lügen? In diesem fürchterlichen Gemenge, in dem Leben fast nur noch als dessen ständige Veräußerung zu haben ist, ist doch auch "Journalismus" schon lange etwas eher Fragwürdiges geworden, angesichts mancher Ausprägungen davon muß man-sagen: das Verwerfliche schlechthin. Es kann nicht sein, sollte nicht geschehen, daß Theater diese ganze Unwirklichkeit mit voller Absicht noch verstäkt. nicht mehr die nach nur einer "Spiegelung" von Wirklichkeit sein.

Etwas anderes brauchen wir vom Theater viel notwendiger: Alle denkbare Unterstützung für die Durchdringung von Realität, für das Verstehen, für das Geschichtliche am Aktuellen; und dann für den Entwurf von Gegenbildern. "Heutig" wird ein Theater erst, wenn es sich dem bloß Heutigen auch verweigern kann: Durch den Entschluß zur eigenen Setzung, den Entschluß zur Form. Natürlich geht es dabei nicht, wie Zadek töricht argwöhnt, um irgendeine, wirklich tödliche, "Sauberkeit in der Kunst". Aber dringend, sehr, ist: Ein äußerstes Maß von Selbst-Verpflichtung auf "die Reinheit des Ausdrucks" – wer davon unter dem Vorwand ablasse, "selbstvergessen der Sache zu. dienen, verrät damit immer auch die Sache". Das ist ein Gedanke Adornos ("Minima Moralia", Abschnitt 51). Ich weiß: Den gerade, Adorno, schätzt Peter Zadek, wie er gelegentlich meinte öffentlich mitteilen zu müssen, weit weniger als den Autor von "Pu, der Bär". – Aber das glaubt er doch alles selber nicht. Peter Iden