Von Harald Pieper

Der wohlstandsgeplagte und Zivilisationsgeschädigte Mensch darf auf ein neues Wundermittel zur Beseitigung kleiner Wehwehchen und auch größerer Krankheitsprobleme hoffen. Was Gesundheitsapostel schon lange wissen, fand jetzt hochoffizielle Bestätigung. Dem Sport wurde sozusagen als Medikament der ärztliche Segen zuteil. Noch läßt sich die ganze Tragweite dieses Vorgangs nicht erfassen. Es will erst gedanklich verarbeitet sein, was man da bei einer zunächst bescheiden anmutenden gesundheitspolitischen Tagung in Köln schließlich an Sensation zutage förderte, und dazu kann gar nicht deutlich genug vermerkt werden:

Kein Quacksalber-Stelldichein und auch kein Gipfeltreffen einer Sekte von Bewegungsfetischisten bot hier die Plattform, sondern der Deutsche Sportbund und die Bundesärztekammer gaben sich die Ehre. Die gewichtigen Dachorganisationen erneuerten ihr Bekenntnis zur Zusammenarbeit, die 1976 mit der Propagierung der "Zehn Regeln zum vernünftigen Trimmen" begann, und steigerten sich dann zu einer wahren Pioniertat im Dienste der Volksgesundheit: Sie präsentierten das grüne Rezept. Und das könnte der Blütezeit der Pillen ein baldiges Ende bereiten.

Es ist zweifellos eine Idee mit Pfiff, die den Arzt zur Verordnung von Bewegung ermuntern und den Patienten zur heilsamen körperlichen Aktivität verpflichten soll. Der Onkel Doktor also verschreibt künftig die morgendliche Atemgymnastik, den abendlichen Schwimmbad- und Saunabesuch und die Wochenendbeteiligung an einem Lauftreff. Training auf Rezept und Bewegung als Medikament, das in keiner Apotheke zu haben ist.

Wenn die bereits modellhaft erprobte Verabreichung dieser "Naturheilkräfte" Schule macht, dann dürfte das nicht nur eine Revolution in der Arzneimittelindustrie auslösen. Doch das dann drohende Anwachsen des Pillen- und Ampullenberges ließe sich auf bemerkenswerte Weise kompensieren: Der klotzige, die bundesdeutsche Industrielandschaft zusätzlich verunzierende Kostenberg von 60 Milliarden Mark, den die vermeidbaren und vor allem durch Bewegungsmangel entstehenden Krankheiten pro Jahr verursachten, könnte mit Hilfe des "grünen Rezeptes" erheblich abgetragen werden.

Sportbund-Präsident Willi Weyer möchte jedenfalls mit ärztlichem Beistand diese Belastung der Volkswirtschaft verringern. Sein Plansoll für die, erste Etappe auf dem beschwerlichen Weg hat er mit zehn Prozent angegeben und das wäre immerhin eine Einsparung öffentlicher Mittel in Höhe von sechs Milliarden Mark. Der höchste. Sportführer weiß auch gleich den Verwendungszweck für einen Teil des Geldes. Er würde es für angemessen halten, noch mehr Übungsstätten zu bauen. Ein logischer Vorschlag, der der Bewegungstherapie zweifellos weitere Perspektiven eröffnet.

Doch bevor nun die Ärzteschaft zum geschlossenen Sprung auf die "grünen Rezeptblöcke" ansetzt, sei noch schnell und in aller Bescheidenheitvor Auswüchsen gewarnt: die Euphorie solltenatürlich nicht so weit führen, daß der Sport bald grundsätzlich rezeptpflichtig wird.