Verhandelt wurde nicht ohne Erfolg; die Enquete-Kommission zum Beispiel wird ihre Arbeit aufnehmen. Nicht erreicht wurde – und das war schon in Mainz klar –, daß der Weiterbau vom Urteil der Kommission abhängig gemacht werde, was zumindest einen zeitweiligen Baustopp bedeutet hätte. Eben das hatte der Parteitag mit Mehrheit gewünscht. Nicht zufällig erhielten die Kalkar-Gegner in der Fraktion ein Telegramm, abgefaßt in preußisch-knapper Diktion, wie sie William Borm auszeichnet: "erwarte unbedingte beachtung parteitagsbeschluß schneller brüter." Erstaunlich bleibt, daß die FDP zunächst sehr wenig unternahm, um die Kalkar-Gegner "einzubinden". An der Verhandlungskommission waren sie nicht beteiligt, von den Ergebnissen der Verhandlungen erfuhren sie zuerst aus der Presse. Die parteiinterne Kommission, an der drei von ihnen mitarbeiten sollten, beschlossen auf der Präsidiumsführung am 24. November, trat nie zusammen; die Fraktionsführung hatte von diesem Plan erst am 7. Dezember erfahren. Am 5. Dezember, anderthalb Wochen vor der Bundestagsentscheidung, diskutierte die Fraktion das in einer Bundestagsentschließung formulierte Verhandlungsergebnis. Die Kalkar-Gegner sprachen sich, geschlossen dagegen aus. In der Diskussion deuteten Kalkar-Befürworter zum erstenmal an, die Entscheidung sei so wichtig, daß man notfalls mit der Opposition stimmen könnte.

Am Montag, dem 11. Dezember, auf der Vorstandssitzung in Heppenheim – von den Rebellen war Helga Schuchardt und Helmut Haussmann dabei – wurde Genscher deutlicher: Die Entschließung müsse durchgesetzt werden, wenn die Partei nicht Schaden leiden solle, Lambsdorff sprach von Konsequenzen für die künftige Zusammenarbeit. Nun gerieten die Rebellen unter Druck. Mit Haussmann zum Beispiel sprach der Technologie-Experte Laermann über eine Stunde, der Altvater der Württemberger Liberalen, Hermann Müller, redete ihm zu, Parteifreunde hielten ihm vor: "Sie als Wirtschaftspolitiker sind doch ein vernünftiger Mann..."

Am Dienstag, dem 12. Dezember, in der Fraktionssitzung, wurden die alten Fronten registriert: die sechs Rebellen – Hölscher, Vohrer, Gärtner, Haussmann, Frau Schuchardt und Frau Matthäus-Maier – beharrten auf ihrem "Nein". Der Abgeordnete Gallus forderte, dann müsse eben auf andere Weise der Weiterbau von Kalkar gesichert werden. Gemeint war: mit der CDU; er stand mit seiner Meinung nicht ganz allein. Da brach Mischnick die Diskussion ab und schlug vor, getrennt mit den Rebellen zu reden.

Dies geschah am Mittwoch, nicht im Bundeshaus, sondern abgeschirmt vor Journalistenneugier, im Außenministerium. Während Genscher in Luxemburg war, diskutierte Mischnick über drei Stunden mit den Sechs. Sie trugen ihre Gründe für ihre Haltung vor und wehrten sich gegen den Vorwurf, sei seien Rebellen; denn sie hielten sich ja an den Parteitagsbeschluß. Mischnick betonte, in Erinnerung an 1966, wie wichtig die Zuverlässigkeit der FDP sei, und wies darauf hin, daß die Kalkar-Entscheidung von der SPD als eine zentrale politische Frage betrachtet werde. Die Verhandlungsführung Mischnicks wurde von den sechs als sehr fair geschildert, aber die Diskussion begann sich von der Diskussion über die Risiken der Brüter-Technologie auf die Frage der Koalition und die Zukunft der FDP zu verlagern. "Es war wie beim crash-race", erinnert sich der Abgeordnete Vohrer, wie bei jener Mutprobe, wo zwei mit dem Auto aufeinanderfahren und verloren hat, wer zuerst ausweicht, "Am Anfang waren die Chancen ungefähr gleich, dann stieg die Parteiführung auf einen Schwerlaster um."

Am Nachmittag tagte das Kabinett, der Bundeskanzler erinnerte an Weimar und daran, daß die erste deutsche Republik daran zugrunde gegangen sei, weil zu oft "negative Mehrheiten" die Regierung am Handeln gehindert hätten. Inzwischen meldete sich auch die Basis der FDP zu Wort. Die Ankündigung für Frau Matthäus-Maier, sie könne sich auf Tomaten gefaßt machen, wenn sie in den Wahlkreis zurückkomme, war die Ausnahme. Zustimmung war die Regel. "Das Leben ist in Gefahr. Stoppt Kalkar", lautete eine dieser Botschaften. "Wir vertrauen auf Euer Durchhaltevermögen", eine andere. Inzwischen gab es auch die übliche Rebellenschelte. Möllemann sagte, er habe es satt, daß einige für sich in Anspruch nehmen, die "guten" Liberalen zu sein. Von der "Profilierungssucht junger Abgeordneter" war die Rede.

Abends, nach einem weiteren Koalitionsgespräch, trafen sich die sechs mit Genscher und Mischnick im Gästehaus des Auswärtigen Amts. "Zwei Standpunkte gab es da", erinnert sich Haussmann, "der Genschers, daß die FDP schweren Schaden leide, daß eine nicht mehr kontrollierbare Entwicklung in Gang gesetzt werde, wenn die Mehrheit an der FDP scheitere, und unser Standpunkt, daß die Führung mit der Partei nie mehr ins reine komme, wenn wir umfallen müssen". Auch dieses Gespräch wird als sehr fair geschildert; "Genscher hat nie versucht, uns das Ja abzupressen", sagte einer der Sechs, aber der Parteivorsitzende machte klar, daß ein "Nein" von den Ministern und dem Fraktionsvorsitzenden mit Rücktritt beantwortet würde. Sicher ist nicht, ob diese Drohung wahrgemacht worden wäre, jedenfalls beriefen sich die Abgeordneten mit Zustimmung Genschers darauf. Gärtner, ihr Sprecher, erklärte im Parlament, daß die Minister und der Fraktionsvorsitzende "die Tatsache, daß kein FDP-Fraktionsmitglied bei der Abstimmung über den Koalitionsantrag mit Nein stimmt, für sich mit der Vertrauensfrage über ihre Person verbunden haben".

Massive Drohung der Minister