Von Eberhard Stammler

Um ein rechter Christ zu sein, müsse man ein linker Sozialist werden: Solche Töne beherrschten geraume Zeit die protestantische Szene. Aus Marx und der Bibel war in vielen Köpfen ein explosives Gemisch entstanden, das die Revolution auch in die "bürgerliche Kirche" hineintragen sollte. Was so vor einem Jahrzehnt im Gefolge der linken Protestbewegung die Kirche beunruhigt und die Öffentlichkeit alarmiert hatte, ist inzwischen allerdings einer spürbaren Ernüchterung anheimgefallen. Viele der damaligen Revolutionäre haben sich mit ihrer Kirche wieder arrangiert oder gar versöhnt, und der revolutionären Utopie huldigen nur noch sporadische Zirkel mit trotzigem Eifer.

In jener Allianz von Christentum und Sozialismus galt vor allem Dorothee Sölle als leidenschaftliche Prophetin, die mit kühnen Herausforderungen, ätzenden Analysen und zugleich mit heißem Herzen die Befreiung der Unterdrückten zu ihrem Lebensthema gemacht hatte und die dadurch sowohl eine begeisterte Gefolgschaft als auch verbissene Gegnerschaften gewann. Nachdem sie sich schon in vielen Aufsätzen und Büchern publizistisch engagiert hatte, will sie nunmehr vor der Öffentlichkeit über ihren Weg und ihre Wandlung Rechenschaft ablegen und hat dafür erneut ein Buch herausgebracht, in dem sie dreißig Aufsätze und Reden aus einer Zeitspanne von etwa fünf Jahren vorlegt:

Dorothee Sölle: "Sympathie – theologischpolitische Traktate"; Kreuz Verlag, Stuttgart 1978, 325 Seiten, 17,50 DM.

"Was hat dich eigentlich radikalisiert, Dorothee?" läßt sie sich gleich zu Beginn von einem amerikanischen Freund fragen, und ihre Antwort lautet: Radikaler werden habe für sie eine theologische und eine politische Dimension. "Es bedeutet zu wachsen in Frömmigkeit und in revolutionärem Bewußtsein." Vielleicht ist das Eindrucksvollste an diesem Sammelband ihre Einleitung, in der sie die zwei Stationen ihrer "Konversion" reflektiert.

Sie bezeichnet sich als ein "Kind des Faschismus"; sie stamme aus der "Kultur des liberalen Bürgertums". Auschwitz scheint für die heute nahezu Fünfzigjährige ein Zentralerlebnis geworden zu sein. Angesichts dessen habe man "innerhalb von Mittelklassetraditionen nur Nihilist werden" können. Ihre Alternative jedoch sei – vermittelt durch Freunde – das "Sicheinlassen auf Christus" geworden. Ihre Folgerung: "Glauben heißt: Ich verlobe mich mit der Revolution."

Ihre andere Konversion "von einer liberalen zu einer radikal-demokratischen Sozialistin" sei im Kontext des Vietnamkrieges geschehen; er habe sowohl den Kapitalismus entlarvt "wie nichts zuvor", und dort habe sie auch eine "neue Vision des Lebens" entdeckt, "die sich von technologischen Zwängen, bestimmten Formen rigider Arbeitsteilung, Herrschaft von Menschen über Menschen freigemacht hatte". Ihre "Blindenheilung" verdanke sie den Völkern der Dritten Weltbund dabei spielen vor allem ihre Eindrücke von der lateinamerikanischen Revolutionsszene eine entscheidende Rolle.