Von Ulrich Kaiser

In Zeiten des Mißerfolgs gibt’s Krach. Das ist sicherlich nicht nur für Fußballvereine branchentypisch. Wobei man sich über Ursache und Wirkung streiten kann: Gibt’s den Krach nun wegen des Mißerfolgs – oder ist der Mißerfolg eine Folge des Krachs? Was den Fußball-Club Bayern München betrifft, so ist zu sagen, daß er jahrelang wegen seines Ruhms zwar nie geliebt, aber immer im Gespräch war. Jetzt ist er ins Gerede geraten. Und der kühle Hochmut, mit dem der FC Bayern einst Gegner behandelte, führte bei diesen Gegnern mittlerweile zur Schadenfreude. Da gibt es nur noch eine Steigerung: Mitleid nämlich.

Ganz so weit ist es mit den Münchnern in der Bundesliga noch nicht gekommen; aber als die einstmals so glorreichen Kicker kürzlich in Düsseldorf sieben Tore einstecken mußten, hat bis zu diesem Gefühl des Mitleids nicht mehr viel gefehlt. Der Fußballfan könnte sich abwenden und meinen: So ist das nun mal. Den großen Mannschaften aus Madrid, Amsterdam oder Mailand ist es nicht besser ergangen. Das Außergewöhnliche in München liegt aber in der Besetzung dieser Mannschaft: Sie verfügt über ein gutes halbes Dutzend an Nationalspielern, die eigentlich imstande sein sollten, jede Meisterschaft zu gewinnen, die sie gewinnen wollen.

Die Gründe dafür, daß sie aller Voraussicht nach in dieser Saison kein Meisterstück zustandebringen werden, liegen nicht zuletzt in einer schleichenden Führungskrise: Der FC Bayern München bekam vor eineinhalb Jahrzehnten einen Präsidenten, der sich als Glücksfall für den Aufbau dieses professionellen Unternehmens erwies. Der unabhängige Geschäftsmann Wilhelm Neudecker vermochte diesen Klub nach oben zu bringen – ob er die Kraft hat, ihn oben zu halten, ist mittlerweile zweifelhaft. Was gestern gut war, muß heute längst nicht mehr gut sein.

Es ist müßig, darüber zu diskutieren, zu welchem Zeitpunkt die Talfahrt begann : War es der Weggang des Trainers Udo Lattek oder gar schon der Abschied des neuerdings in Hamburg erfolgreichen Branco Zebec? Begann es, als Franz Beckenbauer in die USA ging oder als man Hals über Kopf den Trainer Dettmar Cramer gegen Gyula Lorant austauschte? Oder spielte der Weggang des Managers Robert Schwan eine entscheidende Rolle?

Sicher ist, daß der Ungar Lorant als Trainer nicht gerade dazu beitrug, die derzeit gespannte Atmosphäre zu lockern. Nach jedem unbefriedigenden Ergebnis konnten die Leser der fünf in München erscheinenden Zeitungen davon ausgehen, tagelang über den Kleinkrieg zwischen Spielern, Trainer und Präsident unterrichtet zu werden. Auffallend in diesem Zusammenhang wurde die Aversion, die der Trainer gegen die Spieler mit Abitur in der Mannschaft entwickelte: Jupp Kapellmann wurde zum Reservisten, Uli Hoeneß zog schließlich nach Nürnberg, Paul Breitner wechselte mit Lorant kaum noch ein Wort.

Die Krise erreichte ihren Höhepunkt vor vierzehn Tagen, vor jenem Debakel in Düsseldorf, von dem die Zeitung mit den großen Buchstaben nicht unberechtigt sagte, es sei "ein Chaos" gewesen. Damit war allerdings noch nicht einmal ausschließlich dieses Spiel gemeint.