Von Josef Müller-Marein

Kardinal Joseph Frings, der am Wochenende mit 91 Jahren gestorben ist, war eine zierliche, sensible Erscheinung. Er sprach leise und hell. Die Stimme zu erheben, selbst im Predigerton, strengte ihn an. Doch was für Predigten hat er gehalten, zumal nach 1942, als seine Worte um so mehr beachtet wurden, weil er zum Bischof ernannt worden war! Eines seiner Themen: die Verbrechen der Judenverfolgung.

Seine großen Augen blickten aufmerksam und spähend hinter dicken Brillengläsern. Er hatte etwas im Blick, was nicht immer als Güte gedeutet werden konnte: manchmal Mißtrauen, zuweilen Spott, oft Heiterkeit, häufig Strenge. Besonders, nachdem er bald nach Kriegsende Kardinal geworden war, drückte schon seine äußere Haltung aus, daß er auf seinem Recht bestand – es war das Recht der Kirche –, daß er zu entscheiden, zu führen wußte. So zierlich seine Gestalt, so kühl sein Wesen: Er wußte den Einfluß der Kirche, ihre Macht, ihr Wesen zu repräsentieren.

Die beiden Nachbarn, die Rheinländer und die Westfalen, die begannen, ihren gemeinsamen Staat zu bilden, hatten in ihren prominenten Kirchenmännern sehr eindrucksvolle, sehr gegensätzliche geistliche Chefs. Da war Kardinal Graf Galen, Bischof von Münster, "Der Löwe", der nicht mehr lange leben sollte, der poltern, donnern konnte, der Mann, wie aus einem Block gemeißelt, der Warmherzige, der Gute, der Treue.

Da war in Köln Erzbischof Joseph Frings, der Intellektuelle, der Schlagfertige, der Witzige, und doch mehr als der andere ein herrscherlicher Kardinal, nicht umsonst Wortführer der deutschen Bischöfe.

Er symbolisierte in seiner geistigen Figur den rheinischen Katholizismus so wie Adenauer,-der andere große Rheinländer dieser Zeit, die Methoden rheinisch-politischer Haltung nicht verleugnete. Adenauer und Frings: der Kölner aus Köln und der Kölner aus Neuß, beide voller Scharfsinn, vollen Humors, geprägt durch Strenge gegen sich selbst und durch Nachsicht gegen andere, hier das Haupt der "Bürger", dort der Pastor der "Schäfchen". Jeder schaute dem anderen ins Revier. Aber beide, in ihrer intellektuellen Schnelligkeit, ihrer Lebenslust und ihrer realistischen Neigung, die Dinge nicht wichtiger zu nehmen, als sie es verdienen, achteten darauf, daß die Herden nicht durcheinandergerieten: hier die Politik, dort, die Kirche.

Übrigens: hat man Adenauer vor Augen, der glücklich war in der Betrachtung von Gemälden, so war Frings doch der mehr künstlerische Mensch. Sein Augenlicht verließ ihn schließlich ganz; seit neun Jahren, seit seinem Rücktritt, sah er fast nichts mehr; aber musizieren war sein Vergnügen gewesen (Frings spielte Geige); Musik, das Hören, blieb sein Trost.