Von Franz Frisch

Don’t forget! Mirror image", steht unter einem Meßinstrument in der Schaltzentrale eines amerikanischen Kernkraftwerkes – paß auf, hier läuft der Zeiger anders herum! Ein Reaktoraufseher hat es mit Filzstift hingeschrieben, um sich in der langen Reihe gleich aussehender Anzeigen zurechtfinden zu können. Andere haben Instrumententafeln mit farbigen Klebestreifen "geordnet" oder verwirrend ähnliche Schaltgriffe abmontiert und sie durch die auffälligen Griffe von Getränke- und Spielautomaten ersetzt.

Vielsagende Beispiele aus einer amerikanischen Untersuchung, die noch keine zwei Jahre alt ist: Im Auftrag des Electric Power Research Institute, einer TÜV-ähnlichen Behörde, hatten Wissenschaftler der Lockheed Missiles & Space Company die Arbeitssituation in den Schaltzentralen von fünf ausgewählten amerikanischen Kernkraftwerken unter die Lupe genommen.

Von Anthropotechnik, so ihr Urteil, von jenen Arbeitshilfen also, die den Stärken und Schwächen des Menschen angepaßt sind, sei da noch kaum etwas zu bemerken. Analysen verschiedener Störfälle hatten denn auch gezeigt, daß die Ursache so mancher Fehlentscheidung der Bedienungsmannschaft menschliche Unzulänglichkeit gewesen ist.

Nicht von ungefähr waren die Lockheed-Experten mit dieser Untersuchung beauftragt worden. In ihrem Hauptarbeitsbereich, in der Luft- und Raumfahrt, spielt die Erforschung der Unfallursachen, die auf den Faktor Mensch zurückzuführen sind, eine überaus wichtige Rolle. Längst hat man erkannt, daß das in Gerichtsverhandlungen so oft strapazierte menschliche Versagen durch ungünstige Arbeitsbedingungen geradezu herausgefordert werden kann.

Die amerikanische Untersuchung führt drastisch vor Augen, was Industriemanager – nicht nur in den USA – immer deutlicher zu spüren bekommen: Vor den Türen der Schaltzentralen hat der technische Fortschritt bislang haltgemacht. Schlimmer noch: Bei großen, komplexen Anlagen hat er gar zu einem Rückschritt geführt.

Noch vor zehn Jahren konnten die Ingenieure in den Zentralen ihre Fabrik wenigstens an einem großen Fließbild überschauen, in dem alle Meßgeräte und Schalter an den richtigen Stellen eingebaut waren. Heute müssen die Männer das Fließbild im Kopf haben; sie stehen vor großen Wänden voller Instrumente und Schalter. Oft genug sind diese nicht einmal nach der Struktur der Anlage geordnet, sondern nach ihrer Große, weil das die Konstruktion der Zentrale vereinfacht und preisgünstiger macht. Blockstruktur nennen die Fachleute diese Ordnung, die an eine Bibliothek erinnert, in der alle gleich großen Bücher im gleichen Fach stehen.