Von Hansjakob Stehle

Noch wirkt die Friedensstimmung nach, die im Herbst dieses Jahres die Pilgerreise polnischer Bischöfe durch die Bundesrepublik begleitet hat. Schon vergessen, wenn überhaupt zur Kenntnis genommen, sind die Untertöne, die damals zu, hören waren und von einem katholischen Blatt verwundert als "spürbare Zurückhaltung" der Gäste notiert wurden. Wie kam es etwa, daß der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Kardinal Höffner, vor den polnischen Gästen das Schuldbuch vergangenen Unrechts "nicht bloß zuschlagen", sondern rundweg "verbrennen" wollte, während Kardinal Wyszynski mahnte, sich der Vergangenheit zu erinnern und die "ganze Wahrheit auszusprechen, auch wenn sie peinlich ist"? Warum wollten die deutschen bischöflichen Gastgeber die Versöhnung hier und jetzt "besiegeln", während Polens Primas mit freundlicher Vorsicht das Reiseergebnis nur als "Vorankündigung" voller Verständigung deuten wollte?

Es war – paradoxerweise – ein schlechtes Gedächtnis, das deutschen Bischöfen immer wieder die Erinnerung an jenen deutsch-polnischen Bischofsbriefwechsel von 1965 erlaubte, der damals einen Anfang von Versöhnung hatte setzen wollen. Und es war ein besseres Erinnerungsvermögen polnischer Oberhirten, das ihnen ratsam erscheinen ließ, eben jenes Ereignis in keiner ihrer öffentlichen Reden rühmend zu erwähnen. Weil aber "freundschaftliches Zusammenleben unserer Völker nur möglich ist, wenn es sich auf die Wahrheit stützt" (so Wyszynski am 25. September 1978 in Köln), sollen hier einige bislang unveröffentlichte Dokumente zitiert werden, die den Vorgang in seiner wirklichen historischen Dimension zeigen.

"Nur Wahrheit befreit, und es scheint mir, daß man in Deutschland aus verschiedenen Gründen unsere Wahrheit nicht sieht oder nicht sehen will", schrieb Wyszynski vertraulich am 5. November 1970 aus Rom an den damaligen Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Döpfner. Drei Tage vorher hatte Bundesaußenminister Scheel in Warschau die Schlußphase der Verhandlungen über den Vertrag begonnen, der Polen die Sicherheit seiner Westgrenze an Oder und Neiße verbürgen sollte. Vergebens hatte Wyszynski in einem Gespräch mit Döpfner versucht, Deutschlands katholische Kirche zu einer Stellungnahme zu veranlassen, die es der christdemokratischen Opposition im Bundestag, erleichtern sollte, den Polenvertrag mitzutragen. Doch Döpfner hatte dergleichen als "zu politisch" abgelehnt.

"Ich glaube, Herr Kardinal, daß dies mit Politik gar nichts zu tun hat", hielt ihm nun Wyszynski entgegen und nannte es eine "seelsorgliche Pflicht", Polens Grenzfrage sowohl als "Lebensfrage" (einer von Ost nach West verschobenen Nation) wie auch als "Kirchenfrage" (des Katholizismus in Osteuropa) zu würdigen. Bitter erinnerte der Primas an den Briefwechsel von 1965, in dem die beiden Episkopate sich "im Geiste des Evangeliums und des Konzils" um Versöhnung bemüht hätten. "Nun muß ich Ihnen ganz ehrlich gestehen, daß die Antwort des deutschen Episkopats auf unseren Versöhnungsbrief nicht nur die Polen, sondern die Weltmeinung enttäuscht hat. Unsere so herzlich ausgestreckte Hand wurde nicht ohne Vorbehalt angenommen ..., dies ist um so trauriger, da die deutschen Protestanten dem katholischen Polen in einer viel mehr evangelischen Gesinnung entgegenkommen

Fünf Jahre zuvor hatte der polnische Primas seine Enttäuschung nicht so offen und schon gar nicht öffentlich eingestanden. Denn die Warschauer Kommunisten verdächtigten damals in einer wilden Kampagne den Episkopat, er wolle dem Staat das Steuer der Deutschlandpolitik entwinden, er habe den Deutschen eine Vergebung ohne Reue, ja einen Dialog über die Grenze angeboten. In der Wirklichkeit war der Brief, mit dem Polens Bischöfe am 18. November 1965 ihre deutschen Amtsbrüder zum Tausend-Jahr-Jubiläum der polnischen Kirche einladen wollten, ein Versuch gewesen, mit religiösen, moralischen und historischen Argumenten, aber auch mit psychologischem Verständnis für die vertrieb benen Ostdeutschen, die Oder-Neiße-Grenze akzeptabel zu machen. Die Idee des Briefes und auch der größte Teil des (mehr fromm als diplomatisch formulierten) Textes stammte vom Breslauer Erzbischof Boleslaw Kominek, den alle Beteiligten inzwischen geflissentlich vergessen haben (er starb 1974).

Schon im Frühjahr 1965 hatte mir Kominek in Rom von seinem Vorhaben erzählt; in langen mühsamen Debatten mit deutschen wie mit polnischen Bischöfen trieb er es in den Schlußphasen des Konzils voran. Besonders ermutigt fühlte er sich, als am 1. Oktober eine Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) den Deutschen einen Verzicht auf Grenzrevision nahelegte. Würde die katholische Kirche in Deutschland gleichen Mut aufbringen? Kominek erwartete es, Wyszynski bezweifelte es, ging aber das Risiko ein.