Eugen Loderer, der Vorsitzende der IG Metall, hatte die Arbeitgeber gewarnt. In einem Gespräch mit der ZEIT sprach er vom "Nadelöhr der Urabstimmung", durch das jedes Ergebnis der Verhandlungen im Tarifkonflikt der Stahlindustrie hindurch müsse. Aber bis an dieses Nadelöhr ist der am Wochenende unter tatkräftiger Mitwirkung des nordrheinwestfälischen Arbeitsministers Friedhelm Barthmann erzielte Kompromiß gar nicht erst gekommen; Er wurde auf dem Weg zu den Mitgliedern von den Funktionären gestoppt. Trotz des persönlichen Einsatzes von Eugen Loderer versagte die Große Tarifkommission der IG Metall dem Verhandlungsergebnis ihre Zustimmung.

Dabei hatte die Gewerkschaft erreicht, was sie gefördert hatte. Der Einstieg in die 35-Stunden-Woche, gegen den sich die Stahlarbeitgeber mit Zähnen und Klauen gewehrt hatten, war gelungen. Die Gewährung von vier zusätzlichen Freischichten im nächsten und weiteren zweieinhalb Freischichten im übernächsten Jahr konnten die Arbeitnehmer getrost als eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf 39 Stunden betrachten – anders hätte es bei den rund um die Uhr arbeitenden Betrieben gar nicht aussehen können.

Ein Schönheitsfehler war freilich aus der Sicht der Arbeitnehmer, daß diese neben mehr Lohn und mehr Urlaub angebotene Verkürzung der Arbeitszeit nur etwa der Hälfte der Beschäftigten zugute kommen sollte. Nur für Arbeiter, die regelmäßig Nachtschicht fahren, waren die zusätzlichen Freischichten gedacht.

Das hätte die IG Metall freilich nicht von einer Zustimmung abhalten dürfen. Sie selbst hatte dauernd den Begriff "stahltypisch" gebraucht, als es darum ging, in der Öffentlichkeit um Verständnis für den nicht gerade populären Streik zu werben. Und dabei ging es dann immer um den Mann am Hochofen, der die Hitze ertragen und die Last der-Schichtarbeit auf sich nehmen muß. Von der Sekretärin in der Hauptverwaltung war nie die Rede – sie verrichtet keine "stahltypische" Tätigkeit.

Und mit dem Schlagwort "stahltypisch" hatten Loderer und seine Mannen auch die Arbeitgeber anderer Branchen beruhigen wollen, die nach einem Einbruch bei Stahl die Flutwelle der 35-Stunden-Woche auf sich zurollen sahen. Er könne zwar nicht auf alle Zeit ausschließen, daß die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung; auch in anderen Branchen gestellt werde, im Augenblick gehe es aber nur um die Stahlindustrie.

Die Stahlarbeitgeber haben sich mit ihrem Angebot konsequent an die Argumentation der Gewerkschaft angepaßt. Sie sind zu Arbeitszeitverkürzungen da bereit, wo es wirklich branchentypische Belastungen gibt – zu mehr jedoch nicht. Gingen sie weiter – etwa bis zu den Wechselschichtarbeitern, die in Zwei-Tagesschichten arbeiten –, dann würden sie einen Präzedenzfall für weite Bereiche der Metallverarbeitung schaffen. Denn dieses Merkmal trifft zum Beispiel auf den überwiegenden Teil der Automobilarbeiter zu.

Die Führer der IG Metall stehen jetzt vor dem schwierigen Problem, von der Forderung nach dem Einstieg in die 35-Stunden-Woche für alle wieder wegzukommen. Sie hatten diese Forderung gestellt, um in der Urabstimmung die für einen Streik erforderliche Dreiviertel-Mehrheit zu erreichen. Nun müssen sie, um in feiner neuen Urabstimmung eine Mehrheit für ein Ende des Arbeitskampfes zu finden, den streikenden Belegschaften ganzer Werke klarmachen, daß sie nicht zu den Begünstigten des Arbeitskampfes gehören, weil sie nicht rund um die Uhr arbeiten.

Überzeugungskraft müssen die Spitzenleute auch bei den mittleren Funktionären – den Betriebsräten und Vertrauensmännern – zeigen. Denn diese Funktionäre sind kaum noch im Drei-Schichten-Rhythmus tätig. Und sie sind von den Folgen eines langen Streiks weniger betroffen als Durchschnittsarbeiter: Weil sie es mit der Beitragsehrlichkeit genauer nehmen, bekommen sie jetzt auch mehr Streikgeld. Es sieht so aus, als müsse die IG Metall mehr auf die Streikmüdigkeit ihrer Mitglieder hoffen als der Arbeitgeberverband. Heinz-Günter Kemmer