Phung Pham Van ist traurig. Er gehört zu den 240 Vietnamesen, die schon seit längerer Zeit in Niedersachsen leben.

Im Juli 1976 kam er mit seiner Familie auf dem Flughafen Hannover-Langenhagen an, ein Flüchtling. Zuvor hatte der heute dreißigjährige Phung in mehreren Lagern hausen müssen. Seine Frau Loan brachte im letzten Camp ihr jüngstes Kind zur Welt, Tai Pham. "Ohne Decken lagen wir auf dem Boden des Lagers. Zu Essen gab es kaum", berichtet Phung Pham Van, "meine Frau wurde sehr krank."

Die sechsköpfige Vietnamesen-Familie fand Aufnahme in Hildesheim, fünfzehn weitere Landsleute mit ihr. Neben Braunschweig und Göttingen leben in der niedersächsischen Bischofsstadt die meisten der Flüchtlinge aus Fernest, Die Caritas übernahm die Betreuung. Im Mechthildenheim, in dem sonst nur Mädchen wohnen, bekam die Familie zwei Zimmer. Die Bemühungen um die Vietnamesen waren, im? provisiert und daher persönlich. Die kleine Kolonie in Hildesheim blieb nicht allein. Marlis Schumann, Caritas-Referentin, lobt die Hilfsbereitschaft der knapp zwei Dutzend, die den Flüchtlingen aus Fernost beim Start in Deutschland halfen. "Zuerst mußten die Sprachschwierigkeiten überwunden werden. Englisch oder Französisch verstand kaum jemand in den Familien. Wir mußten beginnen wie im ersten Schuljahr mit Zeigen und Vorsprechen." Mehrere Lehrerinnen gaben unentgeltlich Deutschunterricht.

Die Kleinen wurden bald in den Kindergarten gebracht. Als durch persönliche Kontakte der Caritas-Helferinnen und mit Hilfe des Arbeitsamtes dann Arbeitsplätze für die Männer gefunden waren, mußte ein "Kinderbewahrdienst" organisiert werden. Studentinnen und Schülerinnen wechselten sich ab. Bald konnten die ersten Familien in Wohnungen außerhalb des Heims umziehen. Die Verbandsgewohnheiten blieben dabei erhalten, die Schicksalsgemeinschaft der vietnamesischen Flüchtlinge in Hildesheim hielt zusammen.

Phung Pham Van ist Tischler. Noch im Hildesheimer Mechthildenheim fand er Arbeit. Eine Firma renovierte dort, der Meister akzeptierte gern die Hilfe des anstelligen Phung. Als der Vietnamese fest in die Firma geholt wurde, mußte er allerdings den Wohnort wechseln. Der Möbelbetrieb hatte seine Werkstätten in Pattensen unweit Hannover. Die Chefin half bei der Wohnungssuche. Nun leben die sechs Vietnamesen in einem Acht-Familien-Haus in Pattensen.

Seitdem ist Phung Pham Van bedrückt. Die Betreuung in Hildesheim, das erste Deutschlernen, die Arbeit, die Wohnung: für den jungen Flüchtling gestaltete sich der neue Lebensabschnitt erfreulich. Und doch: Er ist ja kein Deutscher.

Trang hat den Wechsel am besten geschafft. So meint sie heute. Die Sechsjährige, das älteste Kind Loans und Phungs, besucht die Schule seit neun Monaten. Dort lernt sie Sprechen und Schreiben, in der Familie hat sie schon die flinkste Zunge. Deutsches Denken prägt sich aus. Von Aschenputtel erzählt Trang, während sie den Inhalt ihres Tornisters zeigt, von den Abenteuern der Biene Maja, von Erni, Bert und dem Krümelmonster, vom Weihnachtsmann. Am 3. Dezember standen abends die Stiefelchen der vier Kinder auf dem Treppenabsatz vor der Wohnungstür.