Es ist sehr schwer, über den Frieden, was immer er sein könnte, anders als in einer Art Predigtstil zu reden, also in einer öffentlichen Äußerung zu dem, was ist und wer wir sind – wir Deutschen an Weihnachten 1978; und zu dem, was möglich wäre, wenn wir nur etwas mehr Hoffnung und Vertrauen hätten zu dem, was keiner von uns ausrechnen kann.

Was ist? Der äußere Frieden, in dem wir leben, beruht auf dem Gleichgewicht des Schreckens atomarer Vernichtungswaffen, weil wir, so nüchtern darf es doch gesagt werden, das Glück haben, daß sich in Europa und quer durch unser eigenes Land die Weltmächte gegenüberstehen, die diesen Planeten in eine Wüste verwandeln können. Ist der Krieg "abwesend"? Er ist auf europäischem – vor allem auf deutschem – Boden millionenfach gelagert unter dem Verschluß der Angst, sich gegenseitig umzubringen. Es ist der Friede zweier Skorpione in einer Flasche des Entsetzens. Darauf beruht unser "Frieden" seit Hiroshima, also 33 Jahre. Aber ist dies Frieden?

Denn unter dieser ehernen Glocke ist ja überall in der Welt der Sprengstoff angelegt: im Nahen Osten, an, der russisch-chinesischen Grenze, in Indochina, – im südlichen Afrika, in Lateinamerika. Es war besonders entmutigend, in diesen Tagen zu hören, daß die Deutschen (West – und sicher auch die der DDR) in alle diese Gebiete Waffen geliefert haben. Viele im Westen leben geradezu von den Konflikten anderer und verdienen noch gut dabei. Die Frage ist nur, wie lange die Flasche noch hält, in der das Entsetzen zum Stillhalten zwingt.

Was ist? Der innere Frieden im eigenen Land scheint haltbarer. Die höchsten Repräsentanten der Bundesrepublik Deutschland waren sich in ihrem berühmt gewordenen Gespräch in der Evangelischen Akademie Tutzing in rührender Weise einig: Die Demokratie sei gefestigt und krisensicher, die Spielregeln des Umgangs von Mehrheiten mit Minderheiten im Ganzen eingeübt, Gefahr für Freiheit und Menschenrechte sei nicht im Verzuge. Dies alles mag, vordergründig beurteilt, sogar richtig sein. Aber herrscht wirklich Frieden unter uns?

Als einer, der in den letzten Jahren vor allem mit jüngeren Menschen zu tun hatte, wage ich dies zu bezweifeln. So wie die Freiheit, die uns das Grundgesetz gibt, weithin zu einer Freiheit der Ellbogen des Stärkeren verkommen ist, so ist der Friede vor allem zwischen den Generationen doch wohl nur ein Scheinfriede. Da ist so viel Skepsis, so viel enttäuschte Erwartung, so viel Verweigerung auf einer breiten Front vom akademischen Nachwuchs bis zum ungelernten, so leicht als unpolitisch eingestuften Arbeiter, daß wir bei der Frage nach den Gründen für diesen unbezweifelbaren Tatbestand sehr nachdenklich werden sollten.

Ich weiß, hier gibt es den Einwand, solche negativen Grundeinstellungen würden den jungen Leuten nur eingeredet. Natürlich leben bestimmte Gruppen und Parteien genau von diesen Frustrationen. Aber warum kamen dann ohne großen Werbeaufwand über 15 000 junge Menschen in die Berliner Deutschlandhalle, die keine politische Partei mehr füllen kann, als es um den Radikalenerlaß ging?

Was ist? Warum herrscht immer mehr Gewalt in unserer Gesellschaft? Da ist die immer noch unbeantwortete Frage nach den terroristischen Verbrechen. Ich weiß, wie empfindlich darauf reagiert wird, wenn man fragt, ob der Zynismus solcher mörderischen Gewalttätigkeit nicht auch einen Zusammenhang haben könnte mit zynischer Gewalt, an der wir alle beteiligt sind. Natürlich kann mit einer solchen Frage nicht die persönliche Schuld und Verantwortung jedes einzelnen Täters abgelöst werden, aber wir sollen doch nicht so tun, als fielen die Schüsse der Mörder in eine sonst friedliche Welt. Der Tod auf unseren Straßen und Autobahnen, vor allem der Tod so vieler Kinder, der Verzweiflungstod so vieler junger Menschen in Rauschgift und Alkohol, der entsetzlich einsame Tod so vieler abgeschobener alter Menschen – all dies ist das Spiegelbild einer egoistischen, kalten Machtwelt, die Aggressionen freisetzt, die dann in Verbrechen umschlagen.