Von Heinz-Günter Kemmer

Düsseldorf, im Dezember

So merkwürdig es klingen mag – die moderate Lohnforderung der IG Metall signalisierte eine harte Verhandlungsrunde. Die Gewerkschaft verlangte für die rund 200 000 Beschäftigten der Stahlindustrie in den Tarifbereichen Nordrhein-Westfalen, Osnabrück und Bremen eine Erhöhung der Löhne und Gehälter um fünf Prozent. Das mußte – legt man die üblichen Spielregeln zugrunde – zu einem Abschluß in der Größenordnung von 3,5 Prozent führen, und das wäre nicht eben besonders viel gewesen.

Aber die Gewerkschaft stellte der Forderung nach mehr Lohn und Gehalt eine viel brisantere Forderung zur Seite: Die wöchentliche Arbeitszeit sollte von 40 auf 35 Stunden verkürzt werden, Begründet wurde dies vor allem mit der Sicherung der Arbeitsplätze. Wenn es immer weniger Arbeit gebe – so hämmerte die Gewerkschaft ihren Mitgliedern ein –, dann müsse die verbleibende Arbeit eben auf mehr Leute verteilt werden, der einzelne also weniger arbeiten.

Dabei ließ die IG Metall klar erkennen, daß sie die Verkürzung der Wochenarbeitszeit um fünf auf 35 Stunden nicht auf einen Schlag anstrebe, Ihr ging es um den "Einstieg", eine Stunde weniger war das Nahziel. Und, so signalisierte der Essener IG-Metall-Bezirksleiter Kurt Herb als Leiter der Verhandlungskommission, diese Arbeitszeitverkürzung könne auch in Form zusätzlicher Freischichten gewährt werden.

Die Arbeitgeber lehnten Verhandlungen über die Verkürzung der Wochenarbeitszeit rundweg ab und boten, neben einer Lohnerhöhung in Höhe der Inflationsrate, statt dessen zwei Tage mehr Urlaub für alle. Sie offerierten also ebenfalls eine kürzere Arbeitszeit, dies aber auf ihre Weise. Obwohl das gültige Urlaubsabkommen noch nicht kündbar war, traten sie die Flucht nach vorn an, um über eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit nicht reden zu müssen. Dabei handelten sie durchaus im Interesse aller Arbeitgeber: Wenn erst bei Stahl der Durchbruch zu einer Verkürzung der Wochenarbeitszeit erzielt sei, dann gebe es, so fürchteten die Arbeitgeber, kein Halten mehr. So blieb dem Arbeitgeberverband Eisen- und Stahlindustrie schließlich nichts anderes übrig, als das Scheitern der Verhandlungen zu erklären – für die 10 Metall wiederum Anlaß genug, die Streikmaschinerie in Bewegung zu setzen. Es kam zur Urabstimmung und schließlich zum Streikbeschluß.

Auch ein nachgeschobenes Angebot der Arbeitgeber – drei Prozent mehr Lohn und Gehalt sowie sechs Wochen Urlaub für alle – konnte den Arbeitskampf nicht mehr abwenden. Mit Beginn der Frühschicht ruhte am 28. November in acht Werken der Stahlindustrie die Arbeit, etwa 50 000 Beschäftigte waren betroffen. Der Arbeitskampf eskalierte, als die Arbeitgeber wenig später in fünf Werken etwa 28 000 Arbeitnehmer aussperrten.