Von Michael Jungblut

ZEIT: Herr Professor Schiller, kurz vor der Ölpreiskrise sagte Bundeskanzler Helmut Schmidt voller Zuversicht, daß erstens eine Weltrezession nicht zu erwarten sei und zweitens alle Regierungen begriffen hätten, wie Rezessionen zu bekämpfen selen. Aber wenn wir uns all die vergeblichen Versuche der Wirtschaftspolitik in den letzten Jahren ansehen, mit der Arbeitslosigkeit fertig zu werden, kann eigentlich niemand mehr behaupten, daß alle Regierungen begriffen haben, wie man eine Wirtschaft auf Stabilitätskurs hält" Die - vielleicht allzu großen – Hoffnungen die in die wirtschaftspolitischen Instrumente gesetzt werden, die auf der Basis der Theorien des britisches Nationalökonom John Maynard Keynes entwickelt wurden, sind arg enttäuscht worden.

Woran liegt das? Sind die Politiker nicht fähig, diese Instrumente richtig anzuwenden, oder läßt sich unsere heutige Situation nicht mit der Lage in den dreißiger Jahres vergleichen, als Keynes unter dem Eindruck der Massenarbeitslosigkeit seine "General Theory" niederschrieb? Ihnen ist ist es 1967 gelungen, mit der damaligen Krise relativ schnell fertig zu werden. Haben Sie es besser gemacht als die Politiker heute, oder war damals der Überraschungseffekt auf Ihrer Seite?

Schiller: 1967 hatten wir eine Rezession, bei der die Kapazitäten unserer Volkswirtschaft relativ gleichmäßig unterbeschäftigt waren eine Rezession, ausgelöst durch eine vorhergehende monetäre Restriktion, also eine Stabilisierungsrezession. Durch zwei Konjunkturprogramme und einen gleichzeitigen Wechsel in der Geldpolitik wurde in ziemlich kurzer Zeit wieder eine bessere Beschäftigung erreicht. Das heißt, die vorhandenen Kapazitäten wurden ganz im Sinne keynesianischer Politik mehr ausgenützt. Und durch die induzierten Investitionen ergab sich dann ein weiterer Aufschwungprozeß als Erfolg einer richtigen Politik, die auch Vertrauen schuf,

ZEIT: Allerdings mit bald steigenden Preisen.

Stirnen Das lag zuerst nicht daran, daß zuviel des Guten getan worden war, sondern daran, daß die berühmte außenwirtschaftliche Absicherung – also eine Veränderung des Wechselkurses der Mark – zu spät kam. Dies und nicht etwa ein Mißbrauch keynesianischer Politik war der erste Grund. Das zu lange Festhalten an festen Wechselkursen oder an einer – was damals identisch war – unterbewerteten Mark führte im Inland zur Anpassungsinflation und zu den Übersteigerungen des abschließenden Booms Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre. Das Ganze wurde darin zweitens durch das anschwellende Zahlungsbilanzdefizit der Vereinigten Staaten von Amerika gewaltig verschlimmert, was eine unerhört Stärke Ausweitung der Weltliquidität und große Liquiditätszuflüsse bei Uns verursachte.

ZEIT: Sie haben zwar den Übergang zu flexiblen Wechselkursen sehr früh gefordert. Aber nach über zwei Jahrzehnten fester Wechselkurse wurde jedes Prozent Aufwertung damals von einem öffentlichen Lamento begleitet, als ob es um den Untergang Deutschlands ginge. Gilt es nicht generell, daß wirtschaftspolitische Mittel oft nicht rechtzeitig eingesetzt werden können, Weil die politische Situation dafür nicht reif ist?