Über das Verhältnis von Photographie und Tourismus

Von Peter Sager

Wer reist, photographiert. Wenn Helmut Schmidt nach China fliegt, macht er nicht nur Politik, er macht auch Photos von der Chinesischen Mauer wie jeder Tourist auch: Der Kanzler als Amateur mit der Pocketkamera.

Ohne Photoapparat in die Ferne zu fahren, ist ungewöhnlich, unnatürlich, fast unsozial. Wer nicht photographiert unterwegs, gilt leicht als Außenseiter der Reisegesellschaft: "Der tut ja gerade so, als sei es nicht schön hier, als habe sich die Reise nicht gelohnt!" Bestimmte Sehenswürdigkeiten nicht zu besichtigen, ist eine läßliche Sünde; sie nicht wenigstens zu photographieren, eine schwere Sünde wider den touristischen Geist.

Ich reise, also photographiere ich. Dieser touristische Daseinsbeweis hat eine lange Geschichte. Sie begann im Oktober 1833. William Henry Fox Talbot, ein englischer Gentleman auf seiner Grand Tour, seiner Bildungsreise durch Europa, sitzt, am Ufer des Comer Sees und genießt die Aussicht. Es gibt noch keine Ansichtskarten, die er nach Hause schicken könnte, auch die Photographie ist noch nicht erfunden, aber unser Reisender steht kurz davor. Um die schöne Landschaft so genau wie möglich festzuhalten, zeichnet er sie mit Hilfe der Camera obscura. Wie wunderbar wäre es, notierte Fox Talbot, dieser passionierte Reisende und Privatgelehrte, "wunderbar, diese natürlichen Bilder einzufangen, zu fixieren und irgendwie dem Papier einzuprägen".

Dies gelang ihm im August 1835: die Aufnahme eines Fensters seines Hauses, das erste Papiernegativ in der Geschichte der Photographie. Ein Jahr später, 1836, veröffentlicht Talbots Landsmann John Murray den ersten modernen Reiseführer. Mit seinen "Red Books" wurde Murray der Erfinder des Sternsystems: Ein Sternchen im Text signalisierte dem Leser, was er auf seiner Reise unbedingt sehen mußte. Dieser Kanon der Sehenswürdigkeiten prägte auch den Kanon der Motive für die späteren Reisenden mit der Kamera. Wer den schiefen Turm von Pisa nicht photographiert hat, war nicht in Pisa. Wäre es nicht so ein Monstrum, gäbe es dafür längst das Wort "Photographierenswürdigkeit".

In der zwitterhaft verbundenen Geschichte des Sehens und des Besichtigens gehören Photographie und Tourismus zusammen wie siamesische Zwillinge. Dem Zeitgeist gelang es 1845 erneut, beide aufs Jahr genau zusammenzubringen: Fox Talbot veröffentlicht das erste Reisephotobuch, "Sun Pictures in Scotland", eine Sammlung schottischer Landschaftsansichten, und Thomas Cook eröffnet in London das erste Reisebüro. "Wir brauchen Eisenbahnen für die Masse", hatte Thomas Cook in einer großangelegten Werbekampagne für eine seiner Gruppenreisen gefordert. 1830, im selben Jahrzehnt wie die ersten Photos von Talbot und Daguerre, fuhr auch die erste Eisenbahn, von Manchester nach Liverpool. Zwei Träume hatten den Ausdruck ihrer Zeit gefunden in zwei Maschinen, zwei Traummaschinen: der Kamera und der Eisenbahn.