Auch in Israel ringt Begin um Frieden

Von Dietrich Strothmann

Zuletzt hing seine Macht an einem dünnen Faden: Eine einzige Stimme bewahrte Menachem Begin vor dem sicheren politischen Sturz. Es war während der letzten vergeblichen Pendelmission des amerikanischen Außenministers zwischen Kairo und Jerusalem. In der Knesset stand ein Antrag der oppositionellen Arbeiterpartei über den Zivildienst religiöser Mädchen auf der Tagesordnung. Der eine Partner Begins, die "Wandlungs"-Partei des Archäologie-Professors Jigal Jadin, war für die Vorlage, die anderen Partner, die beiden religiös-orthodoxen Parteien, dagegen. Ein einziger Abgeordneter rettete dann die Regierung: Mit 61 von 120 Stimmen kam Begin gerade noch über die Runden. Es war ein Pyrrhussieg.

Dem Superfalken Begin, im Mai 1977 zu aller Überraschung mit großem Vorsprung gewählt, wird es nicht einmal gelingen, mit seiner barschen Abfuhr, die er Carters Friedenshoffnungen erteilte, verlorenes innenpolitisches Terrain zurückzugewinnen. Nach Meinung jener, die sich inzwischen von ihm abgewandt haben, versprach er zuviel; nach Meinung der anderen, die ihm am liebsten den Laufpaß geben wollen, gebe er auf, was kein Israeli veräußern darf, am wenigsten Begin.

Den Premier scheint das Glück zu verlassen, das ihm zufiel, als er die seit nahezu dreißig Jahren regierende Arbeiterpartei, die endgültig abgewirtschaftet hatte, ablöste. Aber heute drohen ihm Partei und Politik aus dem Ruder zu geraten. Gewonnen hatte er vor allem mit Hilfe der Wähler aus dem orientalisch-jüdischen Bevölkerungsteil, die sich von einer wirtschaftlichen Liberalisierung Vorteile versprachen; verlieren kann er, weil seine Koalition vom, Spaltpilz befallen ist und selbst treueste Freunde sich im Zorn von ihm abgewandt haben. Begin als Ministerpräsident ist heute fast nur noch dank des Beistands der Opposition möglich und – weil sich weit und breit kein Nachfolger findet.

Führungskraft verloren

Nicht wegen seines Herzleidens gilt er als ein Regierungschef auf kurze Zeit, sondern weil gerade er, der sich in Erinnerung an seine unrühmliche Vergangenheit als Anführer im Untergrund vor 1948 noch immer gern "Kommandeur" titulieren läßt, an Führungskraft und Herrschaftswillen eingebüßt hat. Die Macht, an die er nach acht Legislaturperioden in der Opposition schon nicht mehr geglaubt hatte, hat ihn mürbe gemacht: die kräftezehrende Anstrengung, Woche für Woche die ungleichen Regierungspartner zusammenzuhalten; die eigenen Freunde im aufreibenden Versuch davon abzuhalten, in das Lager seiner Widersacher abzuwandern; seine ehedem glühenden Verehrer mit mühsamen Überredungskünsten davon zu überzeugen, daß er alten Idealen nicht abgeschworen hat. Und dabei handelt es sich nur um einen Krach im Hinterhaus.